Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-12-25 · Heft 6 (25.12.1918) · p. Seite 120

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 6 (25.12.1918)
Article
Die Wirkungen der jüdischen Wanderungen
Date
1918-12-25
Page
Seite 120 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908735-2908740-2911525--2186-2911543
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

11» Erwähnen muß man dabei, daß es auch Wanderungen gibt, die wirkungslos sind, wirkungslos unter den großen Gesichtspunkten, die hier verfolgt werden. Daß im Laufe der letzten 34 Jahre aus Deutschland 10 000 Juden nach Amerika ausgewandert sind, hat auf die Lage der deutschen Judenheit und der deutschen Volkswirtschaft gar keinen wesentlichen Einfluß ausgeübt. Negative ökonomische Wirkungen sind dann vorhanden, wenn durch Auswanderung so viel und solch entscheidende produktive und sonstige wirtschaftliche Energien der Wirtschaft des zurückgebliebenen Volksteils entzogen werden, daß ein Verfall in kleinerem oder größerem Ausmaße wahrnehmbar wird. Von dieser Wirkung kann im jüdischen Osten nicht die Rede sein. An Arbeitskräften bleiben noch recht viele, vielleicht allzu viele zurück, deren vollkommene Verwertung und Ausnutzung durch die rückständige Entwicklung der jüdischen Fabrik und durch die Nichtindustrialisderung der jüdischen Massen stark gehemmt wird. Ein Abfluß vo>n sonstigen, etwa Geldwerten findet nur in einem unerheblichen Grade statt, da die finanzielle Lage der jüdischen Auswanderer überaus schiecht ist. Die positiven Wirkungen glaube ich in zwei Untergruppen einteilen zu müssen, und zwar sind sie entweder a) verbessernder, aufbauender oder b) vorbeugender Art Aufbauender Art sind sie dann, wenn durch Auswanderung die wirtschaftliche Lage des zurückgebliebenen Volksteils entschieden besser geworden ist, wenn etwa die Möglichkeiten seiner wirtschaftlichen Entfaltung dadurch größer geworden sind, daß eine Auswanderung von suundso viel Volles- und Klassengenossen mehr Raum geschaffen hat. Diese verbessernde Wirkung könnte konstatiert ' werden, wenn etwa durch Verminderung der Zahl der jüdischen Handwerker oder Kleinhändler oder Arbeitnehmer, die Beschäftigung der zurückgebliebenen Handwerker, der Verdienst der Kleinhändler und die Arbeitsmöglichkeit und die Löhne der jüdischen Arbeiter größer geworden wären. Es genügt hier die Feststellung, daß auch diese Wirkung der Auswanderung im jüdischen Osten nicht wahrnehmbar war. Positive Wirkungen vorbeugender Art bestehen darin, daß, wenn die Auswanderung nicht stattgefunden hätte, die wirtschaftliche Lage des zurückgebliebenen Volksteils sich noch schlimmer gestaltet hätte, ja vielleicht der Ruin eingetreten wäre. Die Auswanderung ist hier eine Art Ventil. Aus ,der Zusammenpressung der Arbeitskräfte in einem beschränkten Raum, die fast mit einer Naturgewalt dazu verdammt sind, in Untätigkeit zu verharren, aus der Unüberwindlichkeit der Hemmnisse, die der Einstellung dieser. Arbeitskräfte in die Produktion des Landes entgegenstehen, gibt es dann nur einen Weg — und dieser Weg ist die Auswanderung. Von diesem Gesichtspunkte der Wirkung wird es uns besser verständlich, warum die Auswanderung der jüdischen Handwerker im direkten Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.