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Neue jüdische Monatshefte · 1918-12-25 · Heft 6 (25.12.1918) · p. Seite 122

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 6 (25.12.1918)
Article
Die Wirkungen der jüdischen Wanderungen
Date
1918-12-25
Page
Seite 122 (sequence 6)
Language
German
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120. 2. Im .Einwanderungslande. Die Wirkungen der jüdischen Wanderungen im Einwanderungslande sind ebenso mannigfaltig wie die Wege der jüdischen Wanderer, und so ist es ein ziemlich kompliziertes "Unternehmen, sie alle in einem Schema vereinigen zu wollen. Sie lassen sich aber unter zwei großen Gesichtspunkten zusammenfassen. Es ist zu unterscheiden, ob die Wirkung innerhalb eines in sich geschlossenen volkswirtschaftlichen Organismus oder auf einem Gebiete, dessen Wirtschaft noch nicht eine festere Form angenommen hat, sich sozusagen, noch in der E n t f al tu n g befindet, ausspielen. Im ersteren Falle erfolgt eine Anpassung der Einwanderungsmasse an einem fremden Wirtschaftsorganismus, die Einwanderer fügen sich in irgendeinem Zweige der Wirtschaft des Einwanderungslandes ein, die Art ihrer wirtschaftlichen Betätigung wird fast ausschließlich oder stark überwiegend von den Erfordernissen und dem Aufbau dieser neuen fremden Wirtschaft bedingt, die Wirkung der Wanderung ist für Einwanderer passiv, d. h. sie passen sich der vorgefundenen Wirtschaftsstruktur an und ein. Anders ist es im zweiten Falle, wo statt einer Anpassung an einen fremden Wirtschaftsorganismus, eine wirtschaftliche Okkupation eines wirtschaftlich noch nicht formierten, noch nicht fertigen Gebiets erfolgt. Hier Ist kein Platz für Passivität mehr. Hier findet eine Konzentration der wirtschaftlichen Kräfte der Einwanderer nach der Richtung eines Aufbaues des eigenen WTirtschaftsorganismus statt, dessen Aufbau hier nach den Wesensgesetzen der eingewanderten Massen und dann erst in zweiter Linie nach den natürlichen Bedingungen des Landes erfolgt (etwa Bodengesetze), in das sie einwanderten. Migration wird hier zur Kolonisation. . Ist im ersteren Falle die Möglichkeit einer weiteren Wanderung noch immer gegeben, so wird im Falle der wirtschaftlichen Konzentration und Okkupation diese Möglichkeit ausgeschaltet. Es ist offensichtlich, daß im jüdischen Wanderungsprozeß die zunächst geschilderte Art der Wirkung, d. h. die Anpassung, bisher vorherrschte. Ein klassisches Beispiel hierzu liefert die Einwanderung nach Amerika. Die Mehrzahl der dort Eingewanderten jüdischen Arbeitskräfte war auf eine bestimmte Art der wirtschaftlichen Betätigung angewiesen: Es war und ist das Bekleidungsgewerbe, in dem sie, den Erfordernissen der amerikanischen Konfektionsindustrie ent- . sprechend, engbegrenzte Funktionen ausüben. Das ist das bekannte Schwitzsystem, das Endstadium der Konfektionsindustrie, ihr — vom Standpunkte der Sozialpolitik, also ethisch, nicht etwa technisch gesehen — rückständigster Zweig. Die wenigen aus der Einwanderungsinasse aber, die durch das Schwitzsystem hindurch oder unter seiner Umgehung aus anderen, größere Möglichkeiten bietenden Beschäftigungen .ihr Einkommen bezogen, emporkamen, und es weiterbrachten, stehen in keinem Zusammenhang zu den übrigen, im Bekleidungsgewerbe beschäftigten Einwanderern. Ein inniges Ineinandergreifen ist hier nicht wahrnehmbar. Die

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