Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Was ist Chanukkah?
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 109 (sequence 3)
- Language
- German
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107 funkelten wie acht strahlende Sterne, In der Stube ist es hell und warm, die Mutter läßt Gänseschmalz aus, und der Duft der Grieben und Zwiebeln kitzelt die Nase. Der Vater sitzt mit seinen Güsten am Tisch und erörtert Fragen der Thora. Die Leute reden mit allen Gliedern, fuchteln mit den Händen, drehen die Daumen und machen großen Lärm. Es geht echt jüdisch zu . . . Und worüber spricht man? Jeden Augenblick hört man dieselbe Frage: ,Was ist Chanukkah?4 Die Leute legen die Stirnen in Falten, schneiden Grimassen und beißen die Bartcndcn. Es ist klar, daß keiner von ihnen diese schwierige Frage zu beantworten weiß. Einer von der Gesellschaft steht auf, zitiert etwas aus dem Talmud, vertieft sich in das Thema, findet immer neue Auslegungen, predigt mit großer Begeisterung und zeigt seinen Scharfsinn. Von allen den schönen und verwickelten Geschichten verstand ich nur die eine: ,Heiden hatten den ganzen Vorrat an Baumöl, der sich im Tempel befand, verunreinigt, und als die Hasmonäer sie vertrieben und besiegt hatten, fand man nur einen einzigen Krug öl, der mit dem Siegel des Hohenpriesters versiegelt war. Der Vorrat konnte nur für einen Tag reichen. Es geschah aber ein Wunder, und das öl reichte für volle acht Tage.4 Da ich an diesem Abend sehr aufgeregt war und da das Chanukkahfest zu meinen liebsten Festen gehört, platzte ich heraus, obwohl ich ein kleiner dummer Junge war, in alier Einfalt und ohne Furcht, vor dem Vater und den fremden Männern mit langen Barten: ,Was ist denn dabei? Daß der eine Krug für acht Tage reichte, ist gar kein Wunder. Wenn er für ein ganzes Jahr gereicht hlitte, und das Chanukkahfest ein ganzes Jahr dauern würde, das wäre ein Wunder! Dann wäre man den Melamed mit seinen Ohrfeigen und fteniekstößen für immer los . . .* Ich hatte diese Worte noch nicht zu Ende gesprochen, als mein Vater mir eine mächtige, starke und schreckliche Ohrfeige versetzte. ,Esel! Du denkst nur an Faulenzen. Das könnte dir so passen, den ganzen Tag wie ein Christenjunge müßig herumzulaufen! Du willst wohl als Goj aufwachsen?1 So schrie mein Vater, und ich hätte sicher noch einen zweiten Schlag ins Gesicht bekommen, aber da geschah mir das Wunder: bei der ersten Ohrfeige fiel mir die Mütze vom Kopfe. Bevor ich mich bücken konnte, um sie aufzuheben, mußte ich mir doch den bloßen Kopf mit dem Schoß meines Rockes zudecken. Inzwischen legte sich aber der Zorn meines Vaters . . . Was lächelst du, Ignatz, du machst dich wohl über mich lustig?4* „Im Gegenteil! Jetzt sehe ich ein, wie ungerecht ich mit allen meinen Einwanden war, und darum lächele ich.44 „Glaub' es mir, mein lieber Ignatz: du bist immer ungerecht, wenn du mir solche Dinge vorwirfst. Und weißt du, warum? Weil du ein reuiger Sünder bist; in jedem reuigen Sünder steckt aber ein Fanatiker, der an den andern stets etwas auszusetzen hat und außer sich vor Freude ist, wenn er an seinem Nächsten, und sei es auch sein Vater, sein Großvater oder sonst jemand von der älteren Generation, einen Makel findet. Niemand gerät wegen jeder Kleinigkeit in solche Auf-