Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Die jüdischen Kolonien des Gebel Garian
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 106 (sequence 4)
- Language
- German
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104 angelegt worden ist, mithin die Kolonie mindestens 200 Jahre bestehen muß. Da: nun die ersten Ankömmlinge, die wahrscheinlich weniger zahlreich waren und beim Beginn ihrer Ansiedlung hart um ihr Leben?M kämpfen hatten, aus diesen Gründen nicht sofort zum Bau einer Synagoge geschritten sind, können wir wohl das Alter der ersten Niederlassung getrost ein paar Jahrzehnte heraufrücken, kämen damit also in die Mitte des 17. Jahrhunderts. Ich habe sowohl die leider verunglückten jüdischen Ansiedlungen in Anatolien, an der Bahnstrecke zwischen Eskischehir und Angora, als auch die in Palästina gesehen, jedoch in keiner lebten die Leute so „selbstverständlich44 und in so gutem Vernehmen mit andersgläubigen Nachbarn und Behörden, wie gerade in diesen durch „natürliche Entwicklung" entstandenen Kolonien des Gebel Garian. Dieses wollte ich nur berichten, weil daraus vielleicht dieser oder jener Hinweis für die Leiter des Zionismus in Deutschland zu entnehmen wäre. Zum Schluß noch eine kleine Episode, um den Charakter der Einwohner von Garian zu illustrieren. Mit großem Stolze wurde mir die neben der alten Synagoge befindliche neue gezeigt. Die alte war zu klein geworden und wird heute als Schule verwendet, die neue ist mit Kuppen geschmückt und teilweise wenigstens oberirdisch angelegt. Der einzige über den Boden hervorragende Bau Tarhunas. In der Synagoge nun zeigte man mir auch die T h o r a - R o 11 e n , die durch prachtvolle -Lederfutterale mit Gold- und Silberstickerei von bester alter Arbeit verziert, geschützt waren. Icli\beging ahnungslos den Fehler, meiner Bewunderung vielleicht etwas zu\intensiven Ausdruck zu geben. Einer der arabischen Gendarmen, die man mir zu meinem Schutze mitgegeben hatte (obgleich dies vollkommen überflüssig war) nahm einfach eine Thora-Rolle aus dem Schrank und sagte mir auf türkisch: „Nehmen Sie, Herr, auf die Juden braucht man ja weiter keine Rücksicht zu nehmen." Ein' Gendarm spielte dort eine ganz andere Rolle wie bei uns, und jeder Widerstandsversuch von Seiten der Bevölkerung hätte wahrscheinlich die schlimmsten Repressalien zur Folge gehabt. Es war eine äußerst peinliche Szene: Der Rabbiner, der mich so freundlich aufgenommen hatte, stand leichenblaß vor Wut zitternd dabei und sah gottlob, daß ich ihm hinter dem/Rücken dieses brutalen Gendarmen mit den Augen zublinzelte. Um,rWeiterungen zu vermeiden, nahm ich die Rolle in den Arm, natürlich' nur, um sie bei der nächsten Gelegenheit -unbemerkt der Gemeinde wieder zurückzuerstatten. Diese Gelegenheit bot sich, als ich kurz darauf das Dorf verließ. Der Abschied war leider durch diese ganz unschuldigerweise durch mich hervorgerufene Kränkung ein sehr kühler, Als wir aber im Begriff waren, das Dorf zu verlassen, schickte ich meine Begleitung unter einem Vorwand voraus, nahm schnell die Rolle unter meinem Mantel hervor und übergab sie drei Männern, die gerade in der Nähe standen, ohne daß der Gendarm es sah. Blitzschnell verschwanden sie damit in einen der unterirdischen Gange. Auf dem Ritt nach Garian fragte mich dann der Gendarm, v/o ich die Rolle gelassen hätte. Ich tat erstaunt, als ob ich sie verloren