Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Die jüdischen Kolonien des Gebel Garian
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 105 (sequence 3)
- Language
- German
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1*03* Beduinen dort verkaufen, wie z. B. Brillenschlangen, Stachelschweine, Sandeidechseti und dergleichen. Die Gemeinte hat, wie mir der Rabbiner mitteilte, Selbstverwaltung. Ihre oberste Behörde ist ein Rat der Alten und der Notabein. Diese Versammlung hatte auch die niedere Gerichtsbarkeit und urteilte selbständig über kleinere Delikte. Wie sich die diesbezüglichen Verhältnisse? jetzt nach Besetzung des Küstenlandes durch die Italiener gestaltet haben, kann ich leider nicht angeben. Schwere Verbrechen, wie Raubmord und dergleichen, gehörten vor das Forum des Kaimakam von Garian. Ich war bei demselben vor und nach meinem Besuch in Tarhuna zu Gast und sprach mit ihm über die Verhältnisse der jüdischen Gemeinden. Er war ein würdiger alter Herr mit wallendem weißen Bart, der damals seinen Posten schon über 30 Jahre inne hatte. Er spnich mir, obgleich er fanatischer Mohammedaner war, mit der größten Hochachtung von den Andersgläubigen, d. h. den Juden von Garian und versicherte, daß während seiner langen Amtsdauer ihm auch nicht ein einziges Verbrechen gemeldet worden sei. Von allen Ortschaften seines großen Verwaltungsbezirkes machten ihm die jüdischen Dörfer die geringste Mühe und er könnte nur wünschen, daß sich seine eigenen Glaubensgenossen ebenso gut aufführen würden. Aus dem Munde dieses Mannes, in Anbetracht der verschiedenen Religion, gewinnt ein solches Zeugnis doppelten Wert. Tarhuna und die umliegenden kleineren von Juden bewohnten Ortschaften sind also ein merkwürdiges Beispiel von „Zionismus ohne Zionismus*4. Die Türkei überließ Auswanderern gern dieses für sie ziemlich wertlose Gebiet, auf welchem es nur einer sehr arbeitsam und fleißigen Bevölkerung möglich war, sich Existenzbedingungen zu schaffen. Die Araber, denen man diese Eigenschaften nicht gerade nachsagen kann, vegetieren deshalb auch meistens in Armut und Verkommenheit. Durch die Kreuzungen der Familien untereinander hat sich eine ziemliche einheitliche Rasse herausgebildet, in welcher, wie schon bemerkt, merkwürdigerweise der blonde Typ vorherrscht. Die dürftige, aber gesunde Lebensweise in der Bergluft hat wohl bewirkt, daß unter den Männern Erscheinungen bis 6 Fuß Größe durchaus nicht zu den Seltenheiten gehören. Es war ein wirkliches Vergnügen, diese schönen Gestalten ziv sehen, die einen ganz anderen Eindruck als die verkommenen Beduinen machten. Auch kann das Wohnen unter der Erde unmöglich ungesund sein, sonst würde sich diese Bevölkerung nicht in der eben erwähnten Weise entwickelt haben. Da diese Kolonien aus rein praktischen Bedürfnissen entstanden sind, wohl dadurch,, daß man durch den merkwürdigen „drahtlosen Nachrichtendienst des Orients" überall erfahren hatte: „dort kann man gut leben und wird nicht von habgierigen Beamten und Behörden ausgesaugt", war ihnen auch neuer Zuzug und Bestand gesichert. Leider konnte ich nichts Genaueres und Bestimmtes über das Alter dieser Gründling erfahren, doch befindet sich in Tarhuna an der alten Synagoge, die wie die übrigen „Häuser" unterirdisch angelegt ist, eine Inschrift mit Datum, die zeigt, daß diese Synagoge ungefähr um das Jahr 170Q