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Neue jüdische Monatshefte · 1918-11-10 · Heft 3-5 (10.11.1918) · p. Seite 104

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 3-5 (10.11.1918)
Article
Die jüdischen Kolonien des Gebel Garian
Date
1918-11-10
Page
Seite 104 (sequence 2)
Language
German
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102 Art vorhanden waren. Ich besuchte neben einigen kleinen Niederlassungen besonders Tarhuna (auch Tergina genannt). Ich ritt dort hin und machte zuerst dem Oberhaupt des Ortes, dem Rabbiner, meinen Besuch. Er empfing mich auf das liebenswürdigste und zeigte mir alles. Schon die äußere Erscheinung dieses Mannes war durchaus bemerkenswert: groß und schlank gewachsen, erinnerte er frappant an Herzl, eine fein geschnittene Nase und große feurige Augen und ein prachtvoller noch fast schwarzer Vollbart verstärken den Eindruck. Er wurde überall mit dem größten Kespekt behandelt und war in seinem Auftreten zwar sehr sicher und selbstbewußt, aber keineswegs anmaßend. Ihm verdanke ich die folgenden Angaben. Der Ort ist von ungefähr 300 Familien bewohnt, die sämtlich Sephardim sind und sich dort im Laufe der Zeit angesiedelt haben, ursprünglich aber aus den verschiedensten Ländern des Mittelmeergebietes stammen. In ihnen lebt noch die Tradition ihrer Herkunft und Abstammung. Die meisten Familien sind aus Nordafrika, von Marokko bis Tunis gekommen, jedoch sollen auch einige aus Spanien und sogar Livorno nach Tarhuna ausgewandert sein, und zwar noch vor relativ kurzer Zeit, es waren nämlich die Großeltern der jetzt lebenden Generation. Sie haben alle die dort landesübliche arabische Kleidung angelegt, und merkwürdigerweise überwiegt der blonde, blauäugige Typ den brünetten, wenigstens bei den Männern, denn von den Frauen habe ich nur wenige gesehen,* da sie sich in einer gewissen Scheu vor dem Fremden, die wohl dem Einfluß ihrer mohammedanischen Nachbarn zuzuschreiben ist, zurückgezogen hatten. Das Motiv der Auswanderung war, „wie mir der Großvater noch erzählt hat", stets die Sehnsucht nach völlig ungestörter Ausübung ihrer Religion und eine diese treffende Bedrückung der mohammedanischen resp, christlichen Bevölkerung gewesen. Die Leute treiben Ackerbau und Olivenbau, auch gedeiht dort oben in der rauhen Höhenlust unsere Weichselkirsche vorzüglich, deren Früchte zu einem Sirup verarbeitet werden, der dann nach den Küstenorten, wo die Kirsche wegen der Hitze nicht fortkommt, exportiert und sehr geschätzt wird. Ferner halten sie größere Schaf- und Ziegenherden, deien Wolle zu den dort hauptsächlich getragenen Kleidungsstücken den sogenannten Ichrahms verwebt wird. Dunkelblaue Muster auf weißem Grund und weiße auf tief rotem, machen diese Gewebe äußerst reizvoll. Sie werden genau so wie der oben erwähnte Kirschensaft von den Bewohnern der Küste sehr geschätzt und relativ teuer bezahlt. Wenn man dort einen Araber in einem Burnus oder Ichrahm mit schön gewebter Borte sieht, so kann man sicher sein, daß derselbe vom Gebe! Garian stammt. Außerdem sind sie leidenschaftliche Jäger und bringen die allerdings nicht reichlichen Erträgnisse ihrer Jagd, hauptsächlich Gazellen und dann und wann auch mal einen Steinblock, nach Tripolis auf den Markt, jedoch bofassen sie sich nie mit dem übrigen Viehzeug, das die

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