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Neue jüdische Monatshefte · 1918-11-10 · Heft 3-5 (10.11.1918) · p. Seite 97

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 3-5 (10.11.1918)
Article
Die jüdische Frau und der Chassidismus
Date
1918-11-10
Page
Seite 97 (sequence 6)
Language
German
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95 der Arm umwunden und die Stirn umkränzt. Tagelang gab sie sich der Thora und Gebeten hin. Die Verlobungsurkunde sandte sie ihrem Bräutigam zurück: sei. faßte den Entschluß, ledig zu bleiben, denn sie erhob sich über die Welt des Fleisches. Unterdessen starb der Vater der heiligen Jungfrau und hinterließ ihr ein bedeutendes Vermögen. Für dieses Vermögen ließ sie ein neues Bethaus (Beth hamedrasch) mit einem besonderen, abgeschlossenen Zimmer daneben bauen. In diesem Zimmer pflegte sie beständig zu verweilen, dort betete sie und studierte die Thora. c Rasch verbreitete sich der Ruhm der „Jungfrau von Ludomir" über alle benachbarten Städtchen und Dörfer, und viel Volk, Männer und Frauen wallfahrteten zu ihr, wie zu einer Heiligen; sogar gelehrte Männer und Rabbiner suchten sie auf. Aber niemandem erlaubte' sie, zu ihr heranzukommen. Sie saß größtenteils allein in ihrem Zimmer und durch die offene Türe drang ihre Rede zu dem im anschließenden Raum des Bethauses 2)' versammelten Volke. Sie wurde als Wundertäterin bekannt. Man sagte, daß sie die Geheimnisse des Himmels, und der Erde und die Kunst, Kranke zu heilen, kenne. Und wirklich gab sie den sich an sie wendenden Kranken verschiedene Heilkräuter. Nach und nach bildete sich um sie ein besonderer Kreis von Chassiden, welche „Chassiden der Jungfrau von Ludomir" genannt wurden. Diese beteten in ihrem ,.Beth-hainedrasch"; an den Sabbattagen aber, nach der „dritten Mahlzeit'4, versammelten sie sich, ihrer Predigt zu lauschen: die Worte der Predigerin drangen zu den Hörern ins Bethaus aus dem benachbarten Zimmer, in das sich die heilige Jungfrau zurückzug. . Die berühmten Zaddikim jener Zeit gaben ihrem Erstaunen über den neuen Kollegen in Frauenkleidern Ausdruck. Manche kehrten zu ihr ein, um sich dieses Phänomen anzusehen; sie aber rief beim Namen einen jeden ihrer Besucher, selbst die ihr völlig unbekannten. Endlich begannen viele der Zaddikim zu zweifeln, ob nicht durch den Mund dieser sonderbaren Jungfrau ein „böser Geist" spreche? Man begann sie zu überreden, ihre Lebensweise zu ändern und sich zu verheiraten; aber sie schenkte diesen Zumutungen kein Gehör. Nach einiger Zeit gab sie jedoch nach und wurde die Gattin eines Rabbiners — dies geschah, als der berühmte Zaddik Mottei von Czernobyl sie zu diesem Schritt bewog. R. Mottei — erzählt die Sage — pflegte über die Jungfrau von Ludomir zu sagen: „Wir wissen nicht, welches großen Zaddiks Seele in diese Frau wanderte, aber es fällt einer Zaddikseele schwer, in einem Frauenkörper Frieden zu finden.'4 Vermittels der Heirat, durch Erweckung weiblicher Gefühle und Empfindungen, wollte er die Seele dieser Frau auf eine niedrigere normale Stufe führen. Aber sein Plan mißlang. Der Gatte der Jungfrau von Ludomir scheute sich mit dieser 2) Dieses Bethaus besteht noch heute in Wladimir und ist unter dem Namen der „Grünstübcl" bekannt. Hier beten die Chassiden des Kreises Hotmir.

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