Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-11-10 · Heft 3-5 (10.11.1918) · p. Seite 96

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 3-5 (10.11.1918)
Article
Die jüdische Frau und der Chassidismus
Date
1918-11-10
Page
Seite 96 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2908689-2908735-2908739-2911421--2145-2911494
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

94 ewigt wurde1). Sie wurde um 1815 in der Stadt Ludomir (Wladimir- Wolhynien) geboren. Sie war die einzige Tochter des Monesch Werbermacher, eines wohlhabenden und nicht unwissenden Mannes; später erwarb sie sich große Kenntnisse der talmudischen Agadah, der Midroschim und der erbaulichen Literatur. Das Mädchen betete gleich einem Manne und ihr Gebet war von einer solch begeisterten Ekstase, daß es in ihrer Umgebung Staunen erregte. Die Einwohner ihrer Vaterstadt meinten, die Tochter des Rabbi Monesch sei würdig, ein Zaddik zu werden. . Wegen ihrer ungewöhnlichen Vorzüge, wie auch wegen des Wohlstandes ihres Vaters, zog Chane Rachel, sobald sie aus den Kinderjahren trat, in starkem Maße die Aufmerksamkeit der Heiratsvermittler auf sich. Man schlug für sie glänzende Partien aus anderen Städten vor, die aber der Vater ablehnte, weil er sich zu keiner großen Mitgift entschließen wollte. So wurde denn Chane Rachel mit einem Jüngling aus ihrer Vaterstadt verlobt. Dieses Ereignis rief eine Umwälzung in ihrem geistigen Leben hervor. Sie liebte den ihr von frühester Kindheit an bekannten Bräutigam aus ihrer feurigen Seele tiefstem Grund; sie sehnte sich danach, mit ihm allein zu sein und ihm ihr Herz auszuschütten; allein es war nach den damaligen Sitten ein Ding der Unmöglichkeit: das Zusammentreffen der Verlobten vor der Hochzeit war streng verboten. Das Mädchen erkrankte vor Sehnsucht nach ihrem Geliebten. Niemand merkte ihren Seclenzustand. Der Vater war stets von seinen Geschäftssachen in Anspruch genommen, und die Mutter, die das Kind inniglich liebte, starb gerade zu dieser Zeit. Nun begann das Mädchen sich von der Gesellschaft zurückzuziehen. Tagelang pflegte sie in ihrem Zimmer zu sitzen und verließ es nur selten, um da-s Grab der Mutter zu besuchen und dort über ihr Leid zu weinen. Als einmal — so berichtet die Sage — Chane Rachel auf dem Grabe ihrer Mutter saß, schlief sie ein. Als sie wieder zu Sinnen kam, war schon Abend, und ringsherum auf dem Friedhof — keine einzige lebende Seele. Dem Mädchen wurde es bang ums Herz in diesem Totenreiche; erschreckt raste sie heim durch den uralten Friedhof, der die Hüllen heiliger Männer früherer Zeiten barg. Im rasenden Lauf stolperte sie und fiel auf eines dieser heiligen Gräber. Sie schrie auf und lag ohnmächtig da. Der Wächter des alten Gottesackers kam auf den Schrei heran und führte das Mädchen, als es erwachte, in das Elternhaus. Nach diesem Ereignis war Chane Rachel mehrere Tage lang gefährlich krank; sie sprach kein einziges Wort. Schon gaben die Ärzte jede Hoffnung auf ihre Genesung auf, als sie einmal den Vater zu sich rief und ihm sagto: „Ich war soeben im Himmel, in einer Sitzung des obersten Gerichts (Beth- Din) und man gab mir dort eine neue, sehr erhabene Seele.u Einige Tage darauf genas sie. Seither benahm sie sich wie ein Mann: legte Schaufäden an, hüllte sich in ein Gebettuch (Talis), und mit Gebetriemen (Tefillin) war ihr l) Ab Material zu dieser Skizze dienten Erzählungen alter Woihynier die die Jungfrau von Ludomir persönlich kannten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.