Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Die jüdische Frau und der Chassidismus
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 94 (sequence 3)
- Language
- German
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92 über die Sorgen der Kindererziehung, über die Fehler und Irrtümer im Gottesdienst. Und der Mann steht und schweigt, denn die Sorge ums tägliche Brot hat ihm d&s Herz erhärtet und den Geist geschwächt Sie ißt mit den Zuständen im Hause besser vertraut. Der Zaddik erteilt ihr und ihm seinen Segen, verspricht ihnen, geistiges und materielles Wohlergehen für sie zu erflehen und gibt ihm und ihr je eine kleine Silbermünze als Amulett Sie aber nimmt auch für die Kinder, die zu Hause blieben, solche Amulette mit und sorgt dafür, daß diese sie beständigauf der Brust tragen, damit sie vor jeder Krankheit und allem Übel verschont bleiben. Verteilt der Zaddik die Überreste, „Schiraim", seiner Speise, welche als Opfer, dargebracht auf dem Altar Gottes (dem Tisch des Zaddik), aufgefaßt wird — so erhält auch die Chassidin, die während der Mahlzeit am Tische der Frau des Zaddik gesessen war, ihren Teil. Die Frau des Zaddik wird ebenso geheiligt wie der Zaddik selbst, und zuweilen kommen chassidische Frauen und Männer zu ihr, den göttlichen Segen zu empfangen. Die Chassidin, wie der Mann selbst, hat Zutritt zum geheiligten Grabmal des Zaddik; sie tritt an seine Grabstätte, betet und erfleht vom toten — lebenden Zaddik — himmlische Fürbitte für sich, ihren Mann und ihre Kinder. Der Chassidismus eröffnete der Frau auch die Schätze seiner Literatur. Da die Frau die Originalwerke nicht lesen konnte, wurden für sie chassidische Erzählungen und erbauliche Schriften in der jüdischdeutschen Umgangssprache verfaßt Während eine „gelehrte" Frau im rabbinistischen Judentum von jeher eine Seltenheit war, schuf der Chassidismus den Typus einer „kundigen" Frau, die den Mann zuweilen übertraf. Denn er war die ganze Woche beschäftigt und konnte nur an Sabbattagen chassidische Bücher lesen, die er jedoch, müde und abgearbeitet wie er war, wieder ohne Herzensfreude aus der Hand gab. Hingegen konnte die Frau jeden Tag eine freie Stunde zum ernsten Studium chassidischer Bücher finden. An Sabbat- und Feiertagen saßen Mann und Frau über chassidischcn Büchern und waren in deren Lektüre vertieft. Er las ein hebräisches, sie ein jüdisch-deutsches chassidisches Werk. Der ChaP3idisniu£ brachte neuen Geist auch ins jüdische Familienleben. Die I'Vau des Ii a b b i n i s t e n verehrte zwar ihren gelehrten Mann, aber sie schaute au? ihn mit Ehrfurcht hinauf und stand gewissermaßen abseits. Anders die Chassidin: gemeinsamer Glauben, gemeinsame Sehnsucht nach dem Zaddik vereinigten das chassidische Ehepaar. Da gibt es weder gelehrt noch unwissend, weder hoch noch niedrig. Beide sind sie dem Zaddik ergeben, der über ihnen steht und sie beschützt und Vermittler ist zwischen ihnen und Gott In ihm, dem Gottesmanno, gohen sie auf. Wenn sie irgendeinen Streit haben, so brauchen sie nur z\\ ihm zu gehen. Er kennt den richtigen Weg schon, der sie zur Versöhnung führt. Nur ein kurzes, lautes Wort des Zaddik, nur ein Wink genügt, um den Frieden im Hause wieder herzustellen. Haben die Kinder ein reiferes Alter erreicht, so muß für ihr Fa~ milienglück gesorgt werden. Nicht nur teilt die Chassidin diese -Sorge