Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Die jüdische Frau und der Chassidismus
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 93 (sequence 2)
- Language
- German
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91 der rein formellen Erziehung im Sinne der äußeren Gebote begnügen, d. i. mit einer Erziehung ohne Herz und Seele, ohne Geist und Leben. Eine neue Epoche brach für das Geschick der jüdischen Frau an mit dem ersten Auftreten eines gefühlsmäßigen, mystischen Judentums. Das gefühlsmäßige Judentum, das über alle Abgrenzungen und Gebote erhaben ist, nahm die Frau als gleichberechtigtes Mitglied auf und räumte ihr in der Religion ein großes Tätigkeitsgebiet ein. Schon gleich bei der ersten Form dieser religiösen Strömung, bei der Prophetie, finden wir die Frau.sich mit der ganzen Wärme ihres Herzens betätigen. Es seien nur die Namen der Prophetinnen Debora und Cliulda erwähnt. Ganz besonders aber trat die Frau in der jüdischen Religion hervor, in den messianischen Bewegungen, in der Kabbala und im Ohas s idi smus. Vom ersten Tage des Auftretens dos Melanismus in der Diaspora, von den Tagen Syronis (721) bis zu Sabbathai-Zewi kennen wir den direkten Einfluß der jüdischen Frau sehen. Der Messianismus war eine volkstümliche Bewegung, die das Volk nicht nur aus materieller, sondern auch aus geistiger Knechtschaft erlösen wollte. Er wollte den Glauben des Herzens, das religiöse Gefühl vom Joch der Gebote und der Abgrenzungen, die sie von allen Seiten umgaben, befreien. Dieser Aufgabe war die jüdische Frau gewachsen. Sie tat sich auf diesem Tätigkeitsgebiete ganz besonders hervor im Sabbatianismus, in welcher Bewegung einige Frauen sogar an der Spitze standen und einen mächtigen Einfluß auf ihre Entwicklung ausübten. Als mit dem Erstarken der kabbalistischen Bewegung dieselbe nach und nach ihre mystischen Höhen verließ, um einen direkten Einfluß auf das Leben des Volkes auszuüben, da war auch ihr Einfluß auf das Leben der Frau groß, ein Einfluß, der ganz besonders zur Geltung kam mit der Stärkung der lurianischen Kabbala, die im 17. und 18. Jahrhundert auf die Juden Polens eine mächtige Wirkung ausübte. Die Frau nahm an dieser Bewegung sehr regen Anteil. Eine vollständige Gleichstellung im religiösen Leben erlangte die jüdische Frau im besektianischen C h a s s i d i s m u s. Wie der Mann Chassid, wird sie Chassida genannt, und wie der Mann, fährt auch sie zum Zaddik, überreicht ihm ihren Wunschzettel und unterhält sich mit ihm über Fragen des materiellen und geistigen Lebens. Der Chassidismus hat im Herzen der jüdischen Frau den Glauben, die Religiosität erweckt. Sie kehrt vom Zaddik heim voll geistigen Glückes und starken Glaubens, der mit jedem neuen Besuch beim Zaddik stärker und lebenskräftiger wird. Im Geiste dieses festen Glaubens leitet sie ihr Haus, erzieht sie ihre Kinder und übt mit ihrem Glauben auch auf ihren Mann, der im Kampfe ums tägliche Brot beschäftigt ist, eine wohltuende Wirkung aus. „Gott, gelobt sei sein Name, wird barmherzig sein", lautet ihr ewiges Trostwort. Gewöhnlich ist sie es, die ihren Mann von den Sorgen des profanen alltäglichen Lebens ablenkt und ihn zum Zaddik führt. S i e führt ihn zur Quelle, aus der er und sie Geistesstärke, Glauben an Gott und an den ZaddiK schöpfen werden; sie beklagt sich über .die Härte des täglichen Lebens,