Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Heiliges Volk
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 90 (sequence 8)
- Language
- German
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65 Wesen die Welt genesen" wird, jedes hält seinen Sieg, jür 6men.Sieg^ der Ktütur und der erhabensten Ideen, Ein „auserwähltes Volk" in dem Sinne, daß ein Volk als einziges, neben der Bedürfnisbefriedigung für sich in Anspruch nimmt, im „Dienste eines Höhereh" zu stehen, das gibt es nicht mehr. Die nationale Idee, die bei allen Völkern die gleiche ist, ist der Glaube an die Aüserwähltheit gerade dieses, an die göttliche Mission gerade dieses Volkes! Aber vielleicht wäre es möglich-— zugegeben, daß alle Völker als Inhalt die Idee neben der, Ökonomie besitzen, wenigstens diese. Ideen gegeneinander abzugrenzen und nach irgendeinem intuitiven Maßstab die eine als die auserwählte zu bewerten? Das war einst möglich, wo. es hieß: Jehova oder.Baal! Das war noch möglich; als es hieß: jüdische Sittlichkeit oder griechische Schönheit! Heute aber, wo nach 2000 jährigem Zusammenschmelzen aller je gedachter Werte man nicht mehr einem konkreten Gotte dient, sondern jenen allgemeinen Ideen der Sittlichkeit, die ausnahmslos ein jedes Volk für sich in Anspruch nimmt, heute, wo iii keinem Volk die Sittlichkeit als Inhalt fehlt, wer wolfte da noch Ideen nach nationalen Grenzen scheiden! Die Methode als unterscheidendes Merkmal. Wenn wir also darin wie alle anderen Völker sind, daß Ökonomie und sittliche Idee gleichermaßen unseren Inhalt darstellen — worin sind wir dann nicht wie die anderen Völker? Wo sind die Gegensätze von Volk zu Volk? Daß sie von Mensch zu Mensch bestehen, weil jedes Glied einer einheitlichen Menschengruppe mit langer Vergangenheit anders denkt, fühlt und betrachtet als das Glied einer anderen Gruppe, ist zu selbstverständlich, als daß dies gemeint sein sollte Aber selbst wenn die Kluft im Fühlen, Denken und Betrachten, ja selbst im Werten, zwischen den Deutschen und den Juden noch größer wäre als die zwischen den Deutschen und Japanern — so würden wir darum doch noch nicht aufhören, genau so ein Volk zu sein wie das deutsche oder japanischel), Kann aber nicht ir der inhaltlichen Begriffsbestimmung des Volkes ein Anderssein gefunden werden, so bleibt nur eine Möglichkeit: es in den Mitteln und Methoden zu suchen. Und.hier liegt der zentrale Punkt. Es gibt, eine Forderung, welche die Inhalte des Volkes verschieden wertet, die Gleichberechtigung von Ökonomie und Idee nicht anerkennt und nicht einmal daran erinnert sein will, daß ein gesunder Geist einen gesunden Körper voraussetzt und daß nach dem Spruch des alten Paracelsus „jedo Imagination ihren Korpus haben müsse". Sie läßt die Ökonomie nur als Leibesnotdurft gelten, die zugunsten der Idee auf ein Mindestmaß beschränkt werden ^nuß; aber damit nicht genug, verlangt sie, daß beide Inhalte, auch der ökonomische, mit ideellen, nämlich sittlichen Methoden und Mitteln gewollt werden. Sie sprengt den Begriff A) Abgesehen natürlich von jenem Manko, das wir ja gerade überwinden wollen: der TerritoriumBlosigkeit.