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Neue jüdische Monatshefte · 1918-11-10 · Heft 3-5 (10.11.1918) · p. Seite 89

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 3-5 (10.11.1918)
Article
Heiliges Volk
Date
1918-11-10
Page
Seite 89 (sequence 7)
Language
German
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87 zu müssen, um die Welt zu erlösen.. Oder vielmehr: es war der große Irrtum des Christentums, daß es in dieser einmaligen Tat und Verwirklichung die Erlösung der Menschheit zu sehen glaubte. Sittlichkeit, auf die Menschheit, die Gesellschaft übertragen, heißt nicht, die sittlichen Ideen (Liebe, Gerechtigkeit, Gleichheit usw.) zur Grundlage der Gesellschaft zu machen, sondern in ihrem Geist, jedoch auf unveränderter Grundlage der Gesellschaft, das relativ Beste für diese zu wollen. Es heißt, sich in ihrem Geiste bestreben, das in der Gesellschaft zu mildern und schrittweise in eine höhere Stufe zu überführen, was ihnen zuwiderläuft Es heißt allenfalls, sozialisierenden Tendenzen zu folgen und versöhnend, ausgleichend zwischen den Härten zu wirken, die immanent an jeder Bedürfnisbefriedigung haften. Es heißt darauf hinwirken, daß im Leben der Staaten wie in dem der Völker mehr und mehr die Gewalt der anarchistischen Wirtschaft in ein System der rechtlich gesicherten Wirtschaft hineinmünde. Damit aber wird die Gesellschaft immer noch nicht eine sittliche christliche Gemeinschaft, sondern bleibt was sie war: ein Zweckmäßigkeitsbund. Inhalt und Methode. Absolutheit und Unbedingtheit als Aufhebung der Zweckmäßigkeit und Forderung nach der absoluten, unbedingten Tat sind somit im Gcsellschaftsleben, wo man nur mit bestimmten Größen, nicht mit metaphysischen Vorstellungen rechnen kann, unverständliche Buchstabenhäufung. Ein Mensch, der nicht atmet, ein Erwerbsunternehmen, das nicht erwirbt, eine Gesellschaft, die nicht nach Zweckmäßigkeit handelt — das gibt es nicht. Hier verwechselt man gewöhnlich Zweckmäßigkeit mit dem Gesetz des größtmöglichen ökonomischen Nutzens. Aber ökonomio bedeutet einen Inhalt, nicht wie Zweckmäßigkeit eine Methode. Und was die Inhalte der Gesellschaft anlangt, so kann sie neben ihren ökonomischen recht wohl nichtökonomische, rein ideelle besitzen (nationale, religiöse usw.). Ja, die Geschichte verläuft nur als Kampf, als Wechsel- und Zusammenwirkung der ökonomischen und der geistigen Inhalte. Aber auch dieser Kampf spielt innerhalb der gesellschaftlichen Gesetze und mit den amoralischen Mitteln und Methoden der Zweckmäßigkeit. Man geht für seine nationalen, religiösen und pazifistischen Ideale genau so in den Weltkrieg wie f ü r . s e i n e ökonomischen Notwendigkeiten! Der Inhalt als unterscheidendes Merkmal. Heißt also vielleicht ein sittliches Volk ein solches, das sich durch die Inhalte seines Strebens von-den anderen unterscheidet? Ökonomie und Idee sind Inhalt des Weltgeschehens, der Gesellschaft schlechthin. Es gibt kein zukunftstarkes Volk, das auf die Idee als Inhalt verzichten und nur die Bedürfnisbefriedigung als Aufgabe betrachten würde. Ruedorffer hat es in seinem klugen Buch gezeigt, wie fast ausnahmslos jedes Volk glaubt, daß „an seinem

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