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Neue jüdische Monatshefte · 1918-11-10 · Heft 3-5 (10.11.1918) · p. Seite 88

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 3-5 (10.11.1918)
Article
Heiliges Volk
Date
1918-11-10
Page
Seite 88 (sequence 6)
Language
German
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66 einem großzügigen, eigen willigen Tun, für das man sich verantwortlich weiß, verbunden ist, ist im Rahmen der ausschließlich sozialen Moral , kein Platz mehr." (K o i g e n.) Sittlichkeit und absoluter Wert. Sittlichkeit ist auch gar nicht das Streben nach'einem bestimmten Wert, sondern nur das Streben nach Wert schlechthin. „Der Wille zum Wert" W e i n i n g e r s als Überwindung des „Willens zur Macht" N i o t*z 8 c h e s. Die Frage: zu welchem Wert? konnte nur in der vor- ^keptischen Zeit beantwortet werden'(und wie viele dieser „absoluten" "Werte sind wie die der ReVolution auf dem Kehrichthaufen gelandet!). ^Seither haben wir die relative Unmöglichkeit der Beantwortung eingesehen. Denn die Frage unterliegt der Erkenntnis — man will das Gute, aber um es zu tun, muß man erst konkret erkennen, was das Gute ist — und wir haben allen Grund, unserer Erkenntnis zu mißtrauen. Nicht nur, daß sie stete Stückwerk (also nur relativ, nie absolut) bleibt, zeigt uns überdies die indiskrete Moralpsychologie, wie schwer es Ist, die Erkenntnis dem Einfluß unbewußter Willens- und Interessenbestrebungen» zu entziehen. „Je. crois qu'il n^yait personne qui n'ait sent: .par lui-meme, qu'on pense et qu'on agit diff£remment daris la bonne et dans la mauvaise fortune, dans les richesses et dans la pauvrete\" — „Tout le monde prend Pesprit de son etat." — Das hat man in Frankreich schon 1782 gewußt: Marquis de la Fare. „In dieser an Spielarten so ergiebigen Zeit ist nichts schwerer zu finden als ein Mensch, dessen Überzeugung und Ideal sich nicht mit seinen Interessen deckt!" (Rathenau.) Nietzsche hat diesen Gedanken ins Biologische übersetzt: der Mensch erkennt nur das, was er braucht, er erkennt es nur so, wie er es braucht, seine Erkenntnis ist nur ein Instrument seines Willens, des Willens zur Macht. ■ Das „Interesse" im Sinne Rathenaus braucht nicht ein materielles zu sein: auch die intellektuelle Not, die seelische 'Einsamkeit, die Sehnsucht und das Erlösungsbedürfnis gestalten die Erkenntnis um. Das Interesse braucht auch nicht ein bewußtes zu sein: gerade die unbewußten Dinge wirken am stärksten, sie sind es, auf denen die „Psychopathologie des Alltagslebens'* beruht. Und oft liegt die größte Unwahrhaftigkeit dort verborgen, wo das eigene Gefühl tiefinnerster Wahrheit am unerschütterlichsten scheint — bei der sittlichen Forderung. Der christliche Irrtum. Sittlichkeit ist also nicht das Festhalten an einem bestimmten Wert, sondern nur die Tendenz zum Wert schlechthin, nicht zum absolut Guten, sondern zum relativ Besten. Sie hat also nichts, was durch eine „Tat" verwirklicht werden könnte, sie verklärt nur das alltägliche Geschehen. Es war der große Irrtum des Christentumschöpfers, daß er glaubte, eine Verwirklichung, eine Tat tun

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