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Neue jüdische Monatshefte · 1918-11-10 · Heft 3-5 (10.11.1918) · p. Seite 87

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 3-5 (10.11.1918)
Article
Heiliges Volk
Date
1918-11-10
Page
Seite 87 (sequence 5)
Language
German
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05 Sittliches. Yolk. Die sittliche Forderung kann nur auf Emzelmenschen zielen, nicht auf Kollektivitäten. Es gibt keine sittliche Aktiengesellschaft und ebensowenig gibt es ein sittliches Volk. Gesellschaftliche Gegebenheiten sind mit.dem sittlichen Maßstab nicht zu erfassen. Sie stehen jenseits von Gut und Böse, sind grundsätzlich amoralische Begriffe (wie Nietzsche es nennen würde: moralinfrei). Hier sind Kreise; die sich nicht berühren. Die sittliche Forderung kann in einzelnen Völkern besonders stark auftreten und durch Tradition und. geistige Inzucht dauernd in Siedehitze, erhalten bleiben. Ohne Zweifel ist dies bei den Juden der Fall. Aber diese Forderung, die sittliche Tat zu tun, geht auch hier auf jeden einzelnen Menschen. „Es sind immer einzelne, die etwas tun, nie Kollektivitäten" (Bamberger). Das Volk selbst hört dadurch nicht auf, den soziologischen Begriff Gesellschaft darzustellen und als solcher jenseits von Gut und Böse zu bleiben. Es bildet keine Gemeinde, sondern nur allenfalls eine Gesellschaft mit verstärkter Tendenz zur Gemeinschaft, es bleibt soziologisch ein Zweckverband der Arbeitsgemeinschaft und Arbeitsteilung und unterliegt den Gesetzen der Notwendigkeit und des Bedürfnisses. Die sittliche Tat in der Gesellschaft Die sittliche Forderung will sich verwirklichen. Gebieterisch drängt sie zur „Tat". Mit der pompösesten Attitüde, wenngleich auch unter dem Schutz der Guillotine, tritt sie in die Weltgeschichte: Freiheit, Gleichheit^ Brüderlichkeit. Wie soll sie verwirklicht werden? Daß die Freiheit in Wirklichkeit nichts wäre als dio Freiheit zum Verhungern, haben Wissenschaft und Sozialismus längst erkannt Nun ist die sittliche Forderung „Freiheit" durch „Schutz" ersetzt worden. Das hieß eingestehen, daß die Verwirklichung der sittlichen Forderung Freiheit das Übel verschlimmern, also unsittlich wirken könnte. Die Gleichheit: ihre Verwirklichung etwa in Form einer Vermögens- oder Bodenverteilung macht vielleicht einen, der so zu Geld kommt, zum Trinker. Lensch versucht darzulegen, daß die Agonie Frankreichs auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet die Verwirklichung sittlicher Ideen nach der großen Revolution zur Ursache hat: eine teilweise Bodenverteilung, die den Kleinrentnertyp züchtete. Gesetzt, die Hypothese wäre beweisbar, gesetzt auch, Frankreich wäre nur in den Krieg gegangen, um diese Stagnation (Geburtenrückgang) durch die Angliederung Elsaß-Lothringens aufzuhalten: wieviel unsittliche Wirkungen einer Verwirklichung der Sittlichkeit! Hier liegt der Irrtum: Geschehnisse sind nur im Leben des geistigen Diktators eine sittliche Tat, nie im Leben der Gesellschaft, für die sie getan wird. Geschehnisse im Rahmen der Gesellschaft haben allein den Maßstab der Möglichkeit und Zweckmäßigkeit Die Verwirklichung sittlicher Ideen, die von beiden abstrahieren, ist in der Gesellschaft ein Unding. „Für den moralischen Heroismus, der stets mit

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