Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Der Dualismus in der Judenfrage
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 82 (sequence 6)
- Language
- German
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80 suletzt emporsteigen? Des Völkerbundes, des Internationalismus, der Demokratisierung, der Sozialisierung. Dies ist aber nur ein Beispiel für die Kongruenz des, jüdischen Geistes in der Diaspora mit den großen Ehtwicklungslinien des okzidentalen Geistes- und Soziallebens.- Getrieben durch seine „nomokratische" Anlage einer- . seits, durch seine geschichtliche Lage andererseits, die ihn überall auf Emanzipation (in deren verschiedensten Arten) Überführung bloßer ' „naturalistischer" und Gewaltverhältnisse in . Rechtsverhältnisse hinweist, fällt die Entfaltung der eigenen Potenzen des jüdischen Geistes und die Verwirklichung seiner eigenen Daseinsnotwendigkeiten, man möchte sagen naturnotwendig, mit den innersten Entwicklungstendenzen der umgebenden Welt zusammen, die seit dem Ausgang des Mittelalters überall auf Befreiung der Konfessionen, Stände und Individuen, auf Qleichberechtigung und Demokratisierung und, in neuester Zeit namentlich auch auf nationale Autonomie und „Nomokratisierung", wenn man so sagen darf, d. h. Verrechtlichung aller früheren Gewaltverhältnisse mit der unverkennbaren Macht einer historischen Notwendigkeit zustreben. In diesem innersten geistigen und politischen, in diesem höchsten geschichtsphilosophischen Sinne ist der jüdische Geist in der Diaspora heimisch — das wollen wir ausdrücklich und nachdrücklich betonen, Aber wir wollen nicht einseitig sein; wir wollen uns nicht verheimlichen, daß diese Heimat im Geiste, daß diese Verwandtschaft in der Entwicklung keineswegs etwas Vollständiges ist, daß sie einen herben Beigeschmack hat und nicht die Heimat, die Verwandtschaft im gemütlichen, naturalistischen, romantischen Sinne ersetzt. Aber hier richtet sich vor uns eine —1 in absehbarer Zukunft wenigstens — unumstößliche Tatsache, ein unüberwindliches Hindernis auf. Es besteht in dem Faktum, daß Palästina nur einen Teil der Judenheit aufzunehmen vermag, daß der andere, überwiegende Teil in den Diasporaiändern notwendig bleiben muß. Es gilt das Lassallesche Rezept: festzustellen, was ist. Dieser Tatsache gegenüber scheint mir die» „orientalische'4 Theorie die Augen zu verschließen. Aber es ist bezeichnend, daß ein Denker vom Range Achad-Haams mit dem ihn zugleich kennzeichnenden bon sens diese Tatsache, diesen Dualismus, zum Eckstein seiner ganzen Lehre vom „geistigen Zionismus" macht. In neuester Zeit hat Siegbert Feuchtwa-nger in einer bahnbrechenden Abhandlung12) auf die grundsätzliche Bedeutung der Symbiose von Juden und Mchtjuden sowie der quantitativen Unzulänglichkeit Palästinas auch für die Zukunft der Judenfrage hingewiesen. Und wenn ein Geschichtsphilosoph von dem intuitiven Genie Herders, den wir also auch zu den Vorgängern der Lehre vom Dualismus der Juden- . frage rechnen können, von der besonderen Neigung der Juden zu einer solchen Symbiose spricht18), so gibt das gewiß zu denken. 12j Die Judenfrage als wissenschaftliches und politisches Problem. Berlin, C. Hey mann, 1917. "} a. a. 0.