Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Der Dualismus in der Judenfrage
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 83 (sequence 7)
- Language
- German
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6.1 So streitet für den Zionismus gewiß die Romantik, die Emotion; für uns aber nicht nur die Übereinstimmung des jüdischen Geistes mit den Triebkräften der europäischen Entwicklung, sondern schon die physische Unmöglichkeit eines Nur-Zionismus/ . Und mir scheint, es vollzieht sich auch in Wirklichkeit eine entsprechende Selektion: Nach Zion wenden sich die romantisch und emotional Veranlagten; in der Diaspora aber bleiben diejenigen, die den Glauben an den Fortschritt noch nicht verloren haben und die an diesem Fortschritt aktiv oder miterlebend teilnehmen wollen. Heiliges Volk*). Von Heinrich Margulies, Krakau. Vorbedingungen.' n die Frage der Gestaltung eines Zusammenlebens von Menschen geht man öfters in zionistischen Kreisen heran, alß ob sie keinerlei wissenschaftlicher Klärung bedürfe. Das liegt zum Teil am Stand der. deutschen Philosophie. Vermochte schon die skeptische Moralphilosophie Nietzsches, außer vielleicht am Deutschen Lichtenberg, nur an den Eomanen (Montaigne, Stendhhal u. a,) Rückhalt zu finden, so ist auch der skeptischen Sozialwissenschaft von Gabriel Tarde, Gustave le Bo-n u. a. nur der romanisierte Deutsche Robert .M i c h e 1 s gefolgt. Sonst herrscht in Deutschland als kritische Methode allein die materialistische Geschichtsauffassung, die, noch völlig unausgebaut, in ihren Anfängen stecken blieb. Dennoch gehören auch ihre Werke zu unseren Vorbedingungen, vor allem die österreichischen (von Karl Renner und Otto Bauer) mit ihrer engen Verquickung der nationalen und der ökonomischen Probleme, wie auch der großangelegte Versuch von Stammler, diese Auffassung theoretisch zu klären und höher zu führen. Noch allzuoft geberdet sich der Zionismus als idealistische Strömung, die gegen den wissenschaftlichen Skeptizismus zu kämpfen hat. Er täte besser, die Ergebnisse dieser Wissenschaft sich einzuverleiben und sich rechtzeitig gegen die Kritik zu wappnen. Jedem Zionisten ist heute die Meinung über das Verhältnis des einzelnen zur Gemeinschaft geläufig, ohne daß er hier das fragwürdige Hauptproblem ahnt, von „dessen erster prinzipieller Einsicht die Ergreifung und Lösung der Aufgabe von der Weiterbildung, der Umwandlung und der Vervollkommnung unserer sozialen Ordnung abhängt. Jede politische Partei, die nicht sich selbst zur Eintagsfliege verurteilen und durch Beschrän- *) Der nachfolgende Beitrag konnte aus Raumschwierigkeiten längere Zeit nicht erscheinen. Wir glauben aber, daß seine theoretischen Grundlagen, wenn sie auch nur fragmentarisch gegeben Bind, von Interesse gebheben sind und im Anschluß an die in den „Neuen Jüdischen Monatsheften44 veröffentlichte Arbeit von Dr. Felix Goldmann besondere Bedeutung gewinnen. D. Eed.