Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Der Dualismus in der Judenfrage
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 81 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2908689-2908735-2908739-2911419--2126-2911479- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
79 in symbolisch bezeichnender Weise, nicht sowohl iin' eigentlichen Orient, als vielmehr in dem Mittellande zwischen Orient und Okzident — seine nationale Tradition weist ihn auf Palästina hin, dieses Land verheißt wenigstens einem Teile der Nation einö ungespaltene Existenz. Darum ist aber der Jude noch keineswegs ein, wie ihn die moderne Theorie hinstellen will, durch unzertrennliche geistige Bande mit Asien innerst verbundener, ja darauf angewiesener Menschentypus. Vielmehr läßt Sich ein zusammenhängender geistiger Faden von seiner orientalischen Vergangenheit selbst bis in seine europäische Gegenwart und Zukunft ziehen. Wir sehen zunächst, wie der Mangel jeglicher Weltverneinung, der schon in seiner ältesten Religion hervortritt, das Judentum nicht wie viele asiatische Völker zu einer Stagnation verurteilt, sondern ihm eine Entwickhmgs- und Fortschrittsfähigkeit, das heißt eben jene Merkmale, die Europa und überhaupt die neue Welt von-Asien trennen, verleiht. Wir sehen ferner, wie die Nomokratie nicht nur das religiöse Leben beherrscht, sondern zu einer Eigenart des Denkens, zu einer intellektuellen Sonderart überhaupt wird, die die Schöpfungen aller hervorragenden jüdischen Geister bis auf die Gegenwart durchzieht: ist es nicht eigenartig, wie" Spinoza selbst das höchste seiner Gefühle, den Amor Dei, in ein System von logischen und psychologischen Gesetzen bringt, wie Märx das tiefste Geheimnis des Soziallebens, den Mehrwert, nur vermittelst eines mathematischen Gesetzes ergründet, mit wie wenig schwungvollen, dafür aber um so beweiskräftigeren, bialogischen Argumenten Bergson den Lebensschwüng begründet, wie endlich Hermann Cohen die Ethik selbst auf dem Rechtebegriff basieren läßt? „In den Wissenschaften, die ihre vortrefflichen Köpfe trieben, hat sich jederzeit . . . eine gesetzliche Anhänglichkeit und Ordnung , . . gezeiget", sagt schon Herder mit der ihm eigenen Kraft der Intuition. n). Aber diese „gesetzliche Anhänglichkeit", dieser nomokratische Geist übertrug sich, fast mit der Gewalt einer Naturanlage, nicht nur von der Religion als primären Bildnerin des Volksgeistes in verschiedenen Spielarten auf die Forschung, sondern auch auf die soziale Betätigung und Politik. Renan hat hier weiter und -besser gesehen als Mommsen, der in den Juden nur das „dekomponierende Element der Geschichte" erblickte: jener sprach von der Doppelrolle der Juden: einer geschichtlich zersetzenden, aber zugleich die soziale Gerechtigkeit tragenden. Und wenn uns stets und insonderheit auch in der Gegenwart von den Feinden ein übergroßer Anteil an der politischen Bewegung der Welt, eine Hinneigung zur Demokratie, zum Soziaiismus und Internationalismus und wie all die bekannten Anklagen lauten, vorgeworfen werden, so wollen wir diese Anklagen freimütig und offen auf uns nehmen, aber ihnen statt des negativen ein positives Vorzeichen voransetzen, indem wir betonen: Wäre die „internationale" Gesinnung in dem Maße in der. ganzen Wfelt verbreitet gewesen, wie unter uns, so hätte sie nicht diesen furchtbaren Krieg über sich ergehen lassen brauchen. Und was für Ideen sehen wir denn auch aus diesem Kriege ") Ideen zur Geschichte der Menschheit, Bd. III (1787), S. 97.