Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Das tätige Wesen
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 76 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Schöpfung errichtet Die Veredlungder Menschheit als Ziel, das Wissen, daß sie nur durch die menschliche Vernunft geschehen kann — hier hat das-Judentum zur rechten Zeit und Stelle sein Weäen in die Rechnung der Welt eingefügt Von allen modrigen Hüllen befreit, zeigt es seinen Wert: nicht als Zweck, sondern als Mittel; nicht als Besitz, sondern alls Kraft. Die Emanzipation bedeutet* daher nicht ein Aufgeben des eigenen Seins, sondern dessen Rechtfertigung durch ein Soll, das der ganzen Menschheit zugute kommt „Nach den Begriffen des wahren Judentums sind alle Bewohner der Erde zur Glückseligkeit berufen und die Mittel so ausgebreitet als die Menschheit selbst, so milde ausgespendet als die Mittel, sich des Hungers und anderer Naturbedürfnisse zu erwehren." Die schnelle Überwindung der Spannung zwischen dem europäischen Geist und dem des Ghettos ist mit dem Bildungshunger des Juden, der jetzt vor einer reich gedeckten Tafel sich sieht, nicht erklärt. Die Emanzipation bewies ihr Recht und ihren Sinn durch gleichgerichtetes Denken und Handeln von Juden und Europäern. Das Denken zwang zur Hingabe an verwandte Schöpfungen, mochten sie ii& Formalen auch noch so ungewohnt sein; wir wissen z. B. von dem großen Einfluß, den Voltaire (trotz seines Antisemitismus), Rousseau und die Enzyklopädisten auf die deutschen Juden ausübten. Das Handeln geschah durch das aktive Eintreten in den europäischen Geist: durch jüdisches Schöpfertum innerhalb europäischer Politik, Kunst und Wissenschaft. Diese sehr abgekürzten Hinweise auf die historischen Zeiten des Judentums zeigen die Einheitlichkeit seiner Idee und den Wechsel der Formen und Aufgaben. Wir wissen nicht, welches Gesetz dieser Ge~ meinschaft ein so buntes Gepränge gab; immer aber war jüdischer Geist ethische Haltung; die teleologische Ordnung, die Setzung eines sittlichen Zwecks, blieb stets sein Grundzug; doch die Methode wechselte. Und mehr: die Akzentuierung der Realitäten. Die Berührung ^nit dem westlichen Wissen änderte die Beziehung zum Führergott: die sakrale Einstellung ging verloren; doch es blieb der lebendige Glaubensbundder "Tat, bei den Fliehenden: die individüale Innerlichkeit der Mystik. Lokalisiert wurde die erste Richtung (in überraschender Verwandtschaft — nicht Assimilation — zu den einwohnenden Völkern) im Westen Europas, die zweite im Osten, innerhalb der großartigen, aber passiven Gefühlswelt der Slawen; trotzdem blieb auch in ihr das aktive Judentum lebendig. » Spinoza stellt den tragischen Versuch dar, Mystik und Rationalismus zur Synthese zu bringen, ohne sich bewußt zu sein, wio sehr solchem Werk die Seele seines Volkes gebot Auf seinem geschichtlichem Weg stieß das jüdische Wesen auf verschiedene Objekte. Doch sie bedeuten weit mehr als die Zufälligkeit der Begegnungen auf einer langen Fahrt; denn die Wirklichkeit der Objekte ist in ihrem Auftreten stets durch das Subjekt bestimmt. Nun stellen aber die sakral-nationale ebenso wie die rational-humane Wirk-