Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Das tätige Wesen
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 75 (sequence 10)
- Language
- German
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73. bestehende Zustände, da in dieser Zeit des. beginnenden individualistischen Wirtschaftslebens die großen Vermögen, die zu erwerben den Juden ja nicht verboten war, schon einen Machtfaktor bedeuten« . . Die bürgerliche Gleichberechtigung ist nur die materielle Vorbedingung zur geistigen Emanzipation. Sie als selbstherrliche Tat, nämlich als ^Aufgehen der Juden in der umwohnenden Nation anzusehen, das bedeutet allerdings eine groteske Überschätzung eines amtlichen Aktes und eine völlige Verkennung des eigenen Wesens. Dio liberale Kurzsichtigkeit eines Gabriel Rießer sah in der Gleichstellung und offiziellen Anerkennung des jüdischen Glaubens die Lösung des jüdischen Problems. Es hätte ihn zur Verzweiflung gebracht, wenn man die Ansicht vertreten würde, daß auch nach der Durchführung des preußischen.Gesetzes vom 11. März 1812 das jüdische Wesen außerhalb der Synagoge und des Religionsunterrichts lebendig wäre. Der Inhalt der geistigen Emanzipation ist dieser: die Teilnahme der Juden an der gesamten Öffentlichkeit des Lebens; ihre freie Hingabe an die gesellschaftlichen Instinkte; das Recht, die eigene seelische Verfassung schöpferisch zu raachen in alimenschlicher Idealität und Praxis. Es galt, den europäischen Geist mit der eigenen Art zu durchdringen (natürlich nicht im Sinne der Oktroyierung, der ,Verjudunglt im Sprachgebrauch der Antisemiten); im Orchester der Menschheit und der Zeit sollen nun auch jüdische Stimmen erklingen. Das bedeutendste Symbol dieser geistigen Emanzipation und ihr redlichster Sprecher ist Moses Mendelssohn. Gewiß, er ist kein Geistesheros, keiner der großen Täter der Menschheit, doch: der edelste Typus des jüdischen Reformators und ein klarblickender Mensch. Er hat dio wahre Leidenschaft des Geistes: den Willen, den Menschen zu helfen. Damm erkennt er die Unzulänglichkeit der Einsamkeit und als die ersten Forderungen des neuen Geistes: Handlung und Gesinnung. Es ist die ewige Vermählung zwischen Judentum und Europa, die Mendelssohn vollzieht, wenn er (in seinem Buche „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum" vom Jahre 1783) die Aufgaben der Gesellschaft in Handlungen und Gesinnungen gipfeln läßt. Innerhalb der Gesellschaft liegen auch die Aufgaben der Religion. „Diese kennet keine Handlung ohne Gesinnung, kein Werk ohne Geist, keine Übereinstimmung im Tun ohne Übereinstimmung. im Sinne. Religiöse Handlungen ohne religiöso Gedanken sind leeres Puppenspiel, kein Gottesdienst. Diese müssen also an und für sich selbst aus dem Geiste kommen und können weder durch Belohnung erkauft noch durch Strafen erzwungen werden. Aber aueh von bürgerlichen Handlungen zielit die Religion ihre Hand ab, insoweit sie nicht durch Gesinnung, sondern durch Macht hervorgebracht werden. . . . Der Staat gebietet und zwinget; die Religion belehret und überredet; der Staat erteilt Gesetze, die Religion Gebote." Diese Auffassung der Religion aber ist die jüdische, und die des Staates die der Aufklärung. Der-- Jude hat in eine neue Zeit auch seine Fahne gestürzt, in einer freieren Welt auch seine