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Neue jüdische Monatshefte · 1918-11-10 · Heft 3-5 (10.11.1918) · p. Seite 74

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 3-5 (10.11.1918)
Article
Das tätige Wesen
Date
1918-11-10
Page
Seite 74 (sequence 9)
Language
German
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12 Mendelssohn schiefer als die Auffassung einer plötzlichen Übertragung der modernen europäischen Gedankenwelt auf das ihr fremde Judentum. Es ist nicht wahr, daß die Emanzipation eine Entscheidung nach außen und ohne innere Notwendigkeit war. Vielmehr war es die Konsequenz der jüdischen Entwicklung, einer Kultur beizutreten, die die autonome Vernunft als Mittelpunkt und die Menschheitsrechte als Forderung verkündete. Die wirklichen Veränderungen, diedas Judentum in dieser Zeit erfuhr, waren nur äußerlich-zivilisatorischer Art. Damit* soll nicht geleugnet werden, daß Vielen sich jetzt der Nebenweg ödesten Aßsimilantentums auftat. Man wollte sein Wesen verleugnen oder gegen das der umwohnenden Nation eintauschen. Daß auch den Deutschen des 18. Jahrhunderts der Anschluß der Juden als Bündnis, keinswegs aber als Assimilation wünschenswert erschien, beweisen Äußerungen Herders. Er will die zivilisatorische Förderung der Juden (durch Bekämpfung des Gelderwerbs und seiner Auswüchse, durch Anerkennung der jüdischenReligioix durch den Staat, durch eine Erziehung nach zeitgemäßen Grundsätzen); denn dann würden die Angehörigen „dieses scharfsinnigen Voükes, abgelegt die alten stolzen Vorurteile, weggeworfen die Sitten, die für unsere Zeit und Verfassung, selbst für^ unser Klima nicht gehören, von allen Nationen als gleichgesinnte Mitarbeiter an der Gesamtkultur der Menschheit verehrt werden." Die „Emanzipation" ist der letzte europäische Akt des bisherigen jüdischen Schicksals. Sie bedeutet keineswegs den Verzicht auf nationalen Eigenwert, sondern, im Gegenteil, seine Fruchtbarmachung in der Zeit. Der ethische Furor des Volkes, den geistige und wirtschaftliche Enge im Mittelalter so sehr behindert hatte, mußte sich in eine Gegenwart ergießen, deren erhellenden Tendenzen der eigenen Tradition verwandt schienen. Welche lächerliche Schiefheit ist es, die weite Öffnung nach außen als den Verlust der „nationalen Energie" hinzustellen. Die Intensität der eigenen ethischen Richtung bedarf des außerselbstischen Objekts, wenn die Nation nicht eine starre und stille Heiligkeit sein will oder das luxuriöse Experiment der Geschichte. Die eigene Vorbildlichkeit, die interne Veredlung auf dem kleinen Raum der Nation, könnte nur dann eine hinreißende Bezauberung der Menschheit bedeuten, wenn sie auch allen sichtbar wäre. Die Mauern des Ghettos sind aber kein verführerischer Rahmen, sondern nur Mauern, Beschränkung und Abschluß. Die Emanzipation war die unumgängliche Befreiung zur eigenen Mission. Die materielle Befreiung (von Napoleon zuerst durchgeführt) bestand in der bürgerlichen Gleichstellung mit den anderen Bewohnern des Landes. Sie war eine Tat aus der Stimmung des revolutionären Europas und die Beseitigung eines ^endlich erkannten Unrechts. In politischer Beziehung bedeutet sie das Ende einer öffentlichen Demütigung, da eine Bevölkerungsidasse in jener Zeit stärksten politischen Erregtseins nicht länger von den staatlichen Angelegenheiten ausgeschlossen sein sollte. Im übrigen legalisierte die Emanzipation ja schon

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