Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Das tätige Wesen
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 73 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908735-2908739-2911418--2116-2911471- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
71 Mühsal wird man großen Nutzen erreichen . . . und es wird sich mehren die Weisheit und es werden aufhören die Kriege . . . eine große Vollkommenheit wird eintreten. . . . Jedoch begehren und erhoffen wir nicht die Tage des Messias wegen der Fülle des Ertrages und des Reichtums . . ., sondern weil dann eine Konzentration der Frommen sein wird und eine Führung des Guten und ff er Weisheit." An die Schwelle des messianischen Reiches gelangt man nicht ohne -Kampf, Vernunft' liegt im Kriege mit den dunklen Mächten des Bösen und der Dummheit. So muß der Jude, der das messianische Zeitalter verwirklichen will, aufstehen und politischer Kämpfer sein. „Darum trägt ganz Israel, "seine Propheten und seine Weisen, Verlangen nach den Tagendes Messias, auf daß sie Ruhe erlangen von den politischen Dingen, um des ewigen Lebens würdig zu werden: weil in jenen Tagen des Messias sich mehren wird die Einsicht und die Weisheit und die Wahrheit." Diese ethischen Anschaungen bestimmen auch die jüdische Vorstellung des Propheten, im scharfen Gegensatz zu Heiden und Aristotelikern: er ist nicht das zufällige Werkzeug Gottes, sondern muß auf hoher intellektueller (nichts ist dem jüdischen Denken unerträglicher als die Vorstellung vom „reinen Toren'.') und sittlicher Stufe stehen; sonst würde ihn Gott nicht erwählen. Er ist weniger Seher und Priester als Politiker. Politisch sind auch die Zwecke der Thora: geistige und materielle Wohlfahrt zu schaffen. Die materielle Wohlfahrt besteht in der besten Ordnung der menschlichen Gesellschaft, im Schutz vor Gewalt und in der Erziehung zur Gemeinschaft. Die geistige Wohlfahrt ist die höhere Stufe, auf der die Vernunft thront. Geistige Vollkommenheit, d. h. philosophische Einsicht und Erkenntnis, ist das höchste Gut des- Menschen und die Verwirklichung Gottes. Der ethisch-politische Mensch des Maimonides und seine Auffasung der messianischen Zeit sind die bedeutendsten Ausprägungen, die das Judentum in Europa gefunden hat. Nichts macht die Wandlung durch die Diaspora deutlicher als dieser Weg: von der naiven Religiosität des orientalischen Hirten, der seinen Glauben liebt als meinen Besitz, zum Bewohner der europäischen Städte, der seine Bei«oiiderheh spürt als Geist. Nur innerhalb Europas konnte dieser Veränderung mehr als psychologische Bedeutung zukommen, konnte sie Aufgabe werden. Der junge Jude, dunkel über die Schrift gebeugt, aus der SabbathstiJlc hinaushorchend in die Welt, die er mit seiner Weisheit kritisch vergleicht: das ist der Typus, der des biblischen, unter Weinstock und Fruchtbäumen Gott preisenden Menschen Erbe und Überwinder ward. * * * Das vierte Mal findet das Judentum eine historische Aufgabe, als es Anschluß an jenen europäischen Geist erhält, der mit der Reformation einsetzt und seinen Höhepunkt in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts erreicht. Aus dieser Berührung sind die deutsch-jüdischen Reformatoren zu verstehen. Nichts wäre für die Beurteilung eines