Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Das tätige Wesen
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 72 (sequence 7)
- Language
- German
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70 das eigene Lehrgebäude mit der Vernunft in Einklang zu bringen, sondern das helle Licht seines alten Rationalismus aus dem Mittelpunkt der eigenen Art leuchten zu lassen. Was die europäischen Völker erst nach drei «khrhunderten (in der Renaissance) .vollzogen, war schon von den Juden des 12. Jahrhunderts als Aufgabe erkannt: Befreiung und Herrschaft des menschlichen Geistes. Während die Scholastiker sich mühten, durch griechische Wissenschaft die christliche Dogmatik zu stützen, versuchte Maim o n i d e s. mit stürmischer Religiosität, durch eine aristotelisch 'geschärfte Ethik sein Volk aufzuklären. Noch mehr wie der islamische Mutazilismus bedeutet der Juden Berührung mit Aristoteles eine Reformation. Zunächst bemühte sich Abraham ibn Daud (1161), das aristotelische Begriffssystem auf die jüdische Philosophie zu übertragen; zur wissenschaftlichen Grundlage der Ethik machte es Moses ben Maimon. Sein Moreh Nebuchim (Führer der Verirrten) ist die bedeutendste Formulierung, die das sittliche Wollen der Juden in Europa überhaupt gefunden hat. Ein Blick aus den Mauern des Ghettos in das Reich ewigen Geistes, ein heller Rationalismus, durch ehrliche Religiosität gesteigert. Das Bewußtsein der nationalen Sendung macht sich geltend im Willen zum menschlichen Fortschritt. Die Gebote und Gesetze der Schrift, der starre Ernst der Jahwe-Religion: welch andern Sinn sollten sie haben als den Sieg der Vernunft über den Ungeist? So will dieses Buch Führer denen sein, die sich unter den Irrlichtern von Konvention, falscher Wissenschaft und brutaler Gewalt verirrten. Judentum heißt etwas anderes als synagogale Frömmigkeit und wehmütige Zionssehnsucht. Religion ist keine Macht, der man passiv zu dienen hat. Wenn Ihr Gott liebt und Juden seid, so erkennt Euern Herrn, um ihn zu verwirklichen. Maimuni will die ethischen Gesetze weder als wissenschaftliche Grundsätze verstehen wie Aristoteles, noch als geheiligte Traditionen im Sinne der Rabbiner. Ihre Wahrheit müsse vielmehr in der Anerkennung durch die menschliche Vernunft liegen. So lautet auch sein ethisches Ideal: das Jenseits als Land der Selbstvervollkommnung, als ewiges Reich des Guten, auf das das Zeitalter des Messias auf Erden * vorbereiten soll. Denn nichts anderes kann die messianische Idee des Judentums bedeuten als die Anleitung zum Reiche der Vollkommenheit Doch wie vollzieht sich das Werk des Messias? Nicht durch nachträgliche Erlösung von Sünde und Schuld, sondern durch die Herrschaft von Wahrheit und Vernunft in dieser Welt. „Wahrlich, die Tage des Messias verändern in keiner Weise die Wirklichkeit von ihrer jetzigen Form. . . ., aber in jenen Tagen wird es sehr leicht werden für die Menschenkinder, ihren Lebensunterhalt zu finden; mit geringer l) Deshalb muß dem Juden auch die christliche Messiaslehre als völlige Verkehrung dos messianischen Gedankens erscheinen. Der Messias kann in keiner Vergangenheit aufgetreten sein t er ist Zukunft, ewiges Ideal, Gebot und Ziel unserer neuen Entschlüsse.