Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Das tätige Wesen
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 71 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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69 Piophetentum. Entweder ist Religiosität: das einsame Erleben des Unbedingten, die Verzückung seelischen Daseins, die Erzeugung frommer Stimmung, oder: sie ist die wahrhafte Heiligung zu gemeinsamer Tat, der klare Entschluß zum Guten, des Volkes Bündnis mit Gott. Der Mystik gegenüber blieb die alte religiöse Kraft der Propheten, die jüdische Tatgemeinschaft, doch am Leben. Zwar hatte sich in der Diaspora Dir Gesicht verändert und ihr Objektfeld beschränkt; doch sie war nicht zur Ruhe gekommen. Aus der körperlichen Gemeinschaft des Beieinander und des Bodens konnte man nicht mehr „den Völlcern das Recht verkünden". Der Name Jahwes war nicht imstande, auf fremder Erde' jenen Drometenton zu entfalten, den er innerhalb der jüdischen Landesgrenzen besaß und auch die Fremden aufhorchen ließ. So verlor die alte Religiosität den sakralen Charakter, den die neue individualistische übernahm. Doch der Inhalt blieb: der Entschluß zur Besserung der Welt im Sinne der göttlichen Vernunft. Wilig nahm der alte Geist Einsamkeit und den Verlust seiner Würde auf sich und wartete auf den Tag, der ihm die Wiederaufnahme seiner Mission gebot. Und dieser Tag kam. Man wußte zwar, nicht und weiß es auch heute noch nicht, daß an ihm in neuer Form die prophetische Kraft sich wieder entlud. Zu sehr schien ihre Methode verändert und zu fremd der Anlaß zu sein. Es war etwas in Spanien vorgegangen, was die private Angelegenheit einiger jüdischer Gelehrter zu sein schien: zum zweiten Male drang Griechentum in die jüdische Seele. Innerhalb einer rein wissenschaftlichen Entwicklung, der jedes Übergreifen auf menschliches Gebiet fernzuliegen schien, waren nach den Arabern die Juden auf das ganze Werk des Aristoteles gestoßen. Doch durch ein unfaßbares Schicksal, das jene kühle Wissenschaft mit der heißen Glut jüdischer Religiosität vereinte, war eine neue Lage und eine neue Aufgabe entstanden. Es verstärkte sich die Tendenz, sich den menschlichen Ordnungen zuzuwenden. Von nun an wird das Judentum Teilhaber jeder Aufklärung. Mit der Leidenschaft des Gebets vereinigt sich wieder die klare Vernunft der Gesetze, deren Ehrgeiz es ist, die Wohlfahrt des Volkes zu regeln im Sinne Gottes und der Menschlichkeit. Im heftigsten Gegensatz zum Christentum erneut sich der Wille, Gott in dieser Welt zu verwirklichen. Aus dieser Gesinnung und dem Anlaß des Aristoteles bereiten die Juden vor allen europäischen Völkern jene Bewegung vor, die wir 'Humanismus nennen. Dies ist das dritte Mal, daß das Judentum in die Geschichte eingreift. Das Mittelalter brachte die ungeheuerste Macht, die je eine Idee entfaltete. Die Kirche griff in alle Ordnungen beherrschend ein. Das Judentum stand dieser Macht notwendig fremd gegenüber; doch ihre glanzvolle Geistigkeit erschütterte es und forderte parallele Kraftentwfoklung. Nichts hätte dem Judentum ferner gelegen, als durch religiöse Propaganda konkurrierend aufzutreten. Bei der dogmatischen Einengung durch die Kirche mußte es vielmehr bestrebtsein, nicht nur