Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Das tätige Wesen
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 69 (sequence 4)
- Language
- German
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67 engen Kreis des Juden^ der in den primitivsten wirtschaftlichen und staatlichen Verhältnissen lebt. So nimmt er zunächst gegen die .verführerischen Eindringlinge des .Westens eine Verteidigungsstellung ein: es beginnt die talmudische Epoche. Es gilt, den heiligen Besitz des Volkes mit den Waffen des Feindes, d. i. die Wissenschaft, zu beschützen. An die bis dahin unberührten Objekte des Glaubens tritt der Verstand hsran, um ihre Gültigkeit zu beweisen: Frömmigkeit vereinigt sich mit spiritueller Gelehrsamkeit Dies ist die „zentripetale Wirkung", dio Hellas auf das Judentum ausübte *). Sie bedeutet ihrem Wesen und ihrer Wirkung nach die stärkste Veränderung der jüdischen Form, die bis auf dem heutigen Tag spürbar ist. Eine analytisch-rationalistische Geistigkeit setzt ein, stürzt sich auf den Pentateuch und weiter auf die Wissensgebiete Europas. Für die jüdische Religiosität bedeutet sie eine große Gefahr: man sucht, Gefühle zu legalisieren. Um sich gegen die westlichen Lockungen zu sichern, schärft man ein enges, auf Ritualien und Dogmen gestütztes Kirchentum, das dem prophetischen Judentum gerade entgegengesetzt ist; die Parteien der Asidäer und Pharisäer kommen empor. Trotzdem blieb das jüdische Wesen unverändert; die alte religiöse Kraft lebte weiter im engen Raum. Der neue Weg, der an diesem Kreuzungspunkt jüdischen und hellenischen Geistes beginnt, hat bis auf die Gegenwart seine Richtung bewahrt. Der Winkel zwischen der biblischen und dieser talmudisch-rationalistischcn Tradition scheint so groß, daß man an der Einheitlichkeit fast zweifeln möchte. Doch noch schafft auf Jahrhunderte hinaus das religiöse Ethos die Gemeinschaft des Volkes. Die Thora zwar beginnt, ihre sakrale Bedeutung zu verlieren; die Prinzipialität des Geistes vorlegt ihren Akzent vom Objekt aufs Subjekt; die jüdische Volksgemeinschaft wird die eigentliche jüdische Mission. Unter dem Einfluß des Griechentums schwand immer mehr die nationalistische Gebärde, Die Brüderlichkeit aller Menschen wird gepriesen, der Propheten Wrorte um den ganzen Erdball gespannt. Demgegenüber erscheint die „zentrifugale Wirkung" des Griechentums zunächst unwichtig. Sic findet ilrcn ersten Ausdruck in der griechischen Bibelübersetzung, der Septuaginta, ihren größten in der Philosophie P h i 1 o s , der eine Verbindung der jüdischen Lehren mit den griechischen Denkern zu schaffen sich müht. Hier unternimmt es jüdischer Geist, die Grundlage zu einer europäischen Religion zu legen. Die Aufgabe des Hellenismus, die Synthese mit dem Orient, steht nunmehr auf der Vorstufe ihrer Erfüllung. Philos Philosophie ist ein kühner Versuch östlichen Denkens, dem in der Welt griechischer Wissenschaft beheimateten Menschen aus der mechanischen Welterklärung zur religiösen WTelterlösung zu verhelfen. Die wissenschaftliche Welt der Hellenen und die ethische Teleologio der Juden scheinen Philon einer Vermittlung zu bedürfen; so schafft er den Begriff des l) Vergl. Jacob F romer, Der Organismus des Judentums. Charlottenburg 1909.