Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Die Juden und der Friedenskongreß
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 64 (sequence 5)
- Language
- German
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62 ihm gegenüber voll erfüllen und doch mit Liebe an dem Lande der Geburt hängen und mit ihm Leid und Freud teilen. Ein Führer der amerikanischen Zionisten, Stephen Wise, der sich seit vielen Jahren in $er Propaganda hervorgetan hat, erwiderte kürzlich auf die Frage, ob er sich als-Jude oder Amerikaner fühle: „As a Jew, I am a Jow, and as American, I am an american American". Louis Brandeis würde wahrscheinlich entrüstet ablehnen, wenn man ihn nur als einen Bindestrich- Amerikaner betrachten wollte, und der zionistische Lord Rothschild fühlt sich sicherlich auch als Engländer und nicht nur als nationaler Jude. Wie die zionistischen Führer Westeuropas und Amerikas stehen auch wir zu dem Lande unserer Geburt, zu dem Boden, der die Gräber unserer Vorfahren birgt, dem wir Bildung und Erziehung verdanken. Wir stehen treu zu ihm gerade im Augenblick trübsten Leids und bitterster Bedrängnis. Und haben doch unser Leben lang unsere besten Kräfte für die Befreiung unseres jüdischen Volkes, für seine Wiederherstellung, die Wiederaufrichtung eines eigenen nationalen Heims und die Neubolebung seiner Kultur, die Aufrechterhaltung seiner Eigenart hingegeben. Die christliche Umgebung aber hat diese Stellungnahme stets verstanden und mit Sympathien begleitet. Und so empfinden auch in Deutschland Tausende, denen die Radikalen von links und die Ängstlichen von rechts den klaren Weg zur Erkenntnis einer Vereinbarung beider Möglichkeiten versperren. ' . Deshalb erscheinen auch die Forderungen, welche das zionistische Büro in Kopenhagen als Forderungen des jüdischen Volkes in die Welt Mnausschickt, durchaus annehmbar für die deutschen Juden. Sie lauten: 1. die Festsetzung Palästinas in, den durch geschichtliche Überlieferung und durch politische und ökonomische Notwendigkeiten bestimmten Grenzen als nationale Heimstätte des jüdischen Volkes, sowie die Schaffung der für den ungehinderten Aufbau dieser Heimstätte notwendigen Vorbedingungen; 2. die volle und tatsächliche Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern; 3. die nationale Autonomie auf kulturellem, sozialem und politischem Gebiet für die jüdische Bevölkerung der Länder jüdischer Massensiedlung, sowie aller anderen Länder, falls deren jüdischo Bevölkerung Anspruch auf sie erhebt. Akzeptieren die großen jüdischen Organisationen dieses Programm, so steht das Judentum Deutschlands jedenfalls nicht vereinsamt da. Zu klären wäre dabei höchstens, ob nach Punkt 3 die jüdische Bevölkerung Deutschlands Anspruch auf eine Autonomie in nationaler Beziehung macht. Dieser Begriff ist aber so dehnbar, und die praktischen Forderungen, die in Deutschland nach der ganzen' sozialen Schichtung der jüdischen Bevölkerung und ihrer räumlichen Verteilung über das Land erhoben werden könnten, sind so gering an Zahl, daß über diesen Funkt eine Verständigung wahrlich nicht ausgeschlossen erscheint. Im wesentlichen wird es sich um eine Erweiterung der Wirkungskreise der Gemeinden handeln können und vielleicht um die Errichtung von ein