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Neue jüdische Monatshefte · 1918-11-10 · Heft 3-5 (10.11.1918) · p. Seite 63

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 3-5 (10.11.1918)
Article
Die Juden und der Friedenskongreß
Date
1918-11-10
Page
Seite 63 (sequence 4)
Language
German
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61 den Augenblick und vernachlässigt darüber die Zukunft in bedenklichem Maße. Für den Palästina-Gedanken und die jüdische Volksidee wären bei einer anderen Form des Vorgehens auch unter den heute .abseits stehenden Massen der jüdischen Bourgeoisie viele wertvollen Kräfte zu gewinnen. Aber natürlich trifft das jüdische Bürgertum selbst der Vorwurf noch schwerer. Die seit altersher bestehende Notabeinwirtschaft, die blinde Gläubigkeit der deutschen Juden in die Führ er quali täten aüter Herren, denen ihr Geld oder gesellschaftliche Beziehungen während des alten Systems^ eine Vorzugstellung schufen, hat zuwege gebracht, daß man gegenüber den Forderungen der Gegenwart kein Verständnis zeigt. Den großen Verbänden mangelt es an frischem Blut, an Leben, an Be- .tätigungsfreiheit. Und wo sie einmal an die Öffentlichkeit treten, geschieht es im unrechten Augenblick, mit unzeitgemäßen Beteuerunuen oder durch Persönlichkeiten, die sich vor der Masse der Gesamtjudenheit kompromittiert haben. Das deutsche Judentum muß noch schneller als die deutsche Volks- , gemeinschaft den Anschluß an die Weltstimmung wiederfinden, wenn es nicht ins Hintertreffen geraten und vollständig den internationalen Einfluß verlieren will, den es früher auf die jüdische Gesamtheit ausgeübhat. Eine völlige Neuorientierung muß Platz greifen, eine, gründliche Demokratisierung stattfinden. Ein lebendiges Judentum kann in Deutschland nur dann leben und erhalten bleiben, wenn der Pulsschlag der Gesamtheit in den eigenen Adern fühlbar wird, wenn es die Forderungen mit vertritt, w?elche die Gesamtheit erhebt, kurz, wenn es darauf verzichtet, ein eng abgeschlossenes Sonderdasein zu führen, in dem es naturgemäß an Blutleere zugrunde gehen müßte. Damm bedarf es völliger Neuordnung der inneren Verhältnisse, mit der man nicht'zögern darf, wenn nicht unwiederbringlicher Schaden entstehen soll. Ohnehin wird ja durch die politischen Verhältnisse der Einfluß des Judentums anderer Länder in Zukunft führend sein. Die Stellungnahme der großen deutschen Verbände und der Mehrheit des deutschen Judentums wird heute bestimmt durch die Unsicherheit, wie sich bei einem Bekenntnis zu den Forderungen der Masse ihre eigene Lage gestalten würde, Sie sehen um sich her seit Jahren trotz aller Opfer, die sie während des Krieges gebracht, einen Antisemitismus sich verbreiten, der die Stärke der Stöckerschen Bewegung anzunehmen droht. Sie wissen, daß selbst vielfach in den sozialdemokratischen Gewerkschaften ein „fremdenfeindlicher" Geist herrscht, der betrübend ist. Sie fürchten also für ihre Stellung im eigenen Lande, und sie lehnen auch deshalb ein national-jüdisches Bekenntnis ab, weil sie glauben, damit ein Bekenntnis der Zugehörigkeit zum Lande ihrer Geburt, das sie lieben und mit dem sie ihr Schicksal in Zukunft teilen wollen, zu beeinträchtigen. Alle diese Befürchtungen sind unzutreffend. Man kann sich sehr wohl als ein Mitglied des jüdischen Volkes fühlen, seine Verpflichtungen

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