Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Die Juden und der Friedenskongreß
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 62 (sequence 3)
- Language
- German
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£9 ^zivilisierte Welt erobert hat, wird man ihn nirgends, auch in Polen nicht mehr in Blut ertränken können* Das Recht auf eigene Kultur, wie auf Erhaltung der nationalen Eigenart, wird durch internationale Garantien auch für dio Juden gesichert werden, und das um so mehr, als sich dio nationalistischen Chauvinisten im Osten zu früh decouvriert haben. Man wird nach den Vorgängen der letzten zwei Wochen auf bindendere Garantien der Polen drängen müssen, als auf Zusagen und Versprechungen, von deren Unwahrhaftigkeit wir seit langem überzeugt gewesen sind. Und so wird auch das Blut der Märtyrer im Osten, das der Straßenmob und der intellektuelle Pöbed Polens auf sich geladen hat, und das dio Waffen seiner Legionen schändet, nicht umsonst geflossen sein. Aber auch im Westen Europas bedarf das Verhältnis einer Neuordnung, Das geringste Verständnis für diese Frage haben leider bisbe* die Juden Deutschlands gezeigt. Während in England, Amerika, Frankreich und Italien die Erkenntnis von der Notwendigkeit eines nationalen Heims für das Judentum sich allgemein durchgesetzt hat, während dort selbst alte Gegner des jüdischen Nationalismus die Hand zur Versöhnung reichten, um den Zusammenhang mit den Wünschen der breiten Masse nicht zu verlieren, ist bei uns noch wenig genug von einem Umschlag der Stimmung zu erblicken. Das liegt zum Teil daran, daß bei uns breite jüdische Massen wio im Osten, aber auch in Amerika und England fehlen, und der Mittelstand, dem die überwältigende Mehrheit der deutschen Juden angehört, durch seine wirtschaftlichen Interessen unlösbar mit denen seiner Umgebung verbunden ist. Dem hätte auch die zionistische Propaganda in Deutschland in anderer Weise Rechnung tragen müssen, als das leider vielfach der Fall gewesen ist. Sie wird in rein mechanischer Form genau so geleitet, wie in anderen Ländern, wo die jüdischen Massen existieren, und sie ist auf Forderungen eingestellt, welche von diesen Massen in anderen Ländern erhoben werden. Man versucht nicht, den naturgemäß zagenden und unsicheren Tastversuchen der bodenständigen Kreise entgegenzukommen, sondern stößt sie durch einen unpraktischen Radikalismus immer wieder zurück, indem man sich lediglich an die Jugend und die ausländischen jüdischen Kreise wendet. ' Das ist bedauerlich. Denn die durch diese Form der Agitation •zunächst gewonnene Jugend geht beim Eintritt in die wirtschaftlichen Berufe und dem Erkennen der alsdann an sie herantretenden wirtschaftlichen Ansprüche vielfach wieder verloren oder verfällt völliger Passivität Und doch wäre nichts notwendiger, als durch ein Entgegenkommen gegenüber dem bodensässi-gen Bürgertum eine breitere Basis. für die Arbeit zu schaffen. Denn die ausländischen Kreise und die durch radikale Agitation Gewonnenen werden ja später die Konsequenz ihrer Anschauung durch die Übersiedlung nach Palästina zu ziehen haben. Der Zionismus hätte aber -alles Interesse daran, sich auch die Diaspora für seine Forderungen geneigt zu machen und zu erhalten, und in der Diaspora mußja die überwiegende Mehrzahl unserer Brüder auch in Zukunft wohnen. Man arbeitet also in der bisherigen Form nur für