Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Die Juden und der Friedenskongreß
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 61 (sequence 2)
- Language
- German
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59 die Revolution kommen muß. Und die Pogromhelden von Warschau, Lemberg, Tarnow, Orawa, Brzozow usw. dürften bald mit Schrecken gewahr werden, daß sie nicht nur den Juden, sondern auch dem polnischen Namen — und vielleicht dem polnischen Staatsgedanken — schweren Schaden zugefügt haben. Das neue Polen lebt nur von Sympathien und es bedarf eines Blickes in die Zeitungen der Neutralen, um zu ersehen, daß sie dahinschwinden wie Schnee an der Sonne. Schon wird die Frage aufgeworfen, ob die staatliche Existenz eines Volkes von so rohen Instinkten Europa von Nutzen sein könne. Warum sollte auch den Polen hingehen, was man den Türken mit Recht so hart anrechnet? Sollte das Abschlachten Unschuldiger und Wehrloser gerade ihnen ohne Sühne verziehen werden? — Die neue Welt und die neue Gesellschaft müssen sich auf Gerechtigkeit aufbauen, wenn sie leben wollen; Unsinn und Gewalttat gehen stets an sich selbst zugrunde. Der Friedenskongreß wird viel Arbeit haben, um auf den Trümmern einer Welt neue, lebensfähige Gemeinwesen zu schaffen. Es besteht die Hoffnung, daß man dabei auch ein Haus für das schwergeprüfte jüdische Volk erbauen wird. Das Haus, um das seit 2000 Jahren in allen Zelten Jacobs gebetet wurde, das friedliche Haus, das früh rauhe Gewalt, zerbrach. Es wird klein und bescheiden sein, ohne Prunk und befestigte Mauern — ein Lehrhaus, wie wir hoffen. Ein Lehrhaus für das jüdische Volk selbst und seine über die ganze Welt zersprengten Glieder und vielleicht eine Lernstätte auch für andere Völker. Die Juden selbst werden in ihm lernen, sich wieder als ein Ganzes zu betrachten, auf ihren alten unvergänglichen Ideen von der politischen und sozialen Gerechtigkeit, vom festen Glauben an eine die Weltenschicksale planvoll leitende Macht und von der durch sie gesetzten Ethik im privaten und öffentlichen Leben weiterzubauen. Sie werden zeigen müssen, daß ihr Heim ein Haus Gottes ist, im Sinne unserer großen Verheißungen, Denn nur dann hat ein jüdisches Land Existenzberechtigung, wenn mehr erstrebt wird, als unter den zahlreichen Völkern und Staaten dieser Erde einen neuen, kleinen, chauvinistischen Volkskreis zu schaffen. Wir wollen eine Heimatstütte für unsere Brüder, aber wir wollen mehr als das, wir wollen auch beweisen, daß der Geist des Judentums, wenn er eine neue Stätte ungehemmter Entwicklung findet, für die Gesamtheit alier Menschen Werte von ungeahnter Größe zu schaffen vermag, so erhaben wie dereinst, als wir der Welt ihre Kultur-Grundlage gegeben haben. Das Verhältnis der Juden zu den Völkern bedarf damit einer Neuordnung. Sie haben bisher unter ihnen gelebt, als ein mehr oder weniger geduldeter Fremdkörper. Nach den Verfassungen galten sie, wenigstens in Westeuropa und Amerika, als gleichberechtigt, obwohl ihnen in der Praxis vielfach selbst dort die Betätigung aüs freie Staatsbürger versagt;" blieb. In den halbkultivierten Ländern des Ostens, in Rußland und Rumänien, waren sie nicht einmal der Theorie nach den anderen Bürgern gleichgestellt. Mit den unterdrückten Schichten drängen sie jetzt nach oben und verlangen ihre Anerkennung als nationale Minderheit. Nachdem einmal der Gedanke vom Selbstbestimmungsrecht aller Völker sich.'