Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-10-25 · Heft 2 (25.10.1918) · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 2 (25.10.1918)
Article
Geschichtsirrtümer
Date
1918-10-25
Page
Seite 39 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2908689-2908735-2908738-2911376--2072-2911402
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

den Kräfte der einzelnen Menschen durch sie repräsentiert werden. Träger der'Mission ist und bleibt aber die Einzelseele. ■' Gegner, des Zionismus machen den Einwand, daß ein jüdisches Staatswesen in den Haß und Streit der Nationen hineingezogen würde. Darauf erfolgt die etwas spöttische Antwort/ob das nicht auch heute schon der Fall sei. Trotz der augenscheinlichen Bedrückung durch den Judenhaß beruht aber auch diese Schlußfolgerung auf einem historischen Irrtum, indem sie den Unterschied zwischen Juden tum und Judenheit unbeachtet läßt. Heute gilt der Haß der J idenhe 11, sie wird in den Wirbel der Welt hineingezogen, die religiöse Idee aber schwebt unangetastet über den angefeindeten Persönlichkeiten. Selbst wenn sie zugrunde gehen, berührt es das Judentum als Begriff und Lehre nicht. Die Zerstreuung läßt es nicht zu, daß dem Ganzen vernichtende Schläge versetzt werden, und so bewährt sie sich als treuster Schutz der Idee. Anders würde es sofort bei einer Konzentration, und das äußerlich wie innerlich! Äußerlich ist dann die Gelegenheit gegeben, die Gesamtheit zu vernichten und mit ihr die Lehre, die Träger braucht, innerlich aber fällt jeder Schlag, der gegen die Gemeinschaft gerichtet wird, auch auf die Lehre, weil in diesem Falle zwischen politischem Körper und religiösem System ein fester, ineinander greifender Zusammenhang geschaffen wäre. Heute trifft der Antisemitismus nur den Juden, in Palästina träfe er das J u d e n t u xn, und in einem solchen Falle wäre bei einem Siege der feindlichen Mächte — eine bittere Ironie des Geschicks — nur die Diaspora wieder imstande, das Judentum zu retten, die gescholtene Diaspora, die man vernichton. möchte. Die Zerstreuung Israels hat in diesem Sinne von höheren geschichtlichen Gesichtspunkten aus ganz gewiß einen sehr tiefen Sinn. Von der Konzentration erwartet der Zionismus für das geistige Leben der Judenheit Wunder. Das Judentum des Staats war seiner Behauptung nach schöpferisch, wohingegen das der Diaspora höchstens erhaltend ist. Aber auch hierin steckt ein Irrtum der geschichtliches Anschauung. Das eigentlich Schöpferische im Judentum ist nämlich die außerhalb des Volkswillens stehende si na i tische Offenbarung, ihr gegenüber ist alles andere so ziemlich gleichwertig. Für die biblische Zeit nun, in der Religion und Staat identisch waren, ist natürlich wenig vorhanden, was außerhalb des Staatslebens entstand. Das wenige aber, das es gibt, ist dem im Staate geschaffenen durchaus ebenbürtig. In der babylonischen Gefangenschaft, die ja das erste Beispiel einer Trennung von Staat und Religion bietet, wurde das Buch des zweiten Jesaja geschrieben, und viele Bibelfreunde halten dies gewiß nicht durch die Kraft des Staatslebens geschaffene Werk für die Krone der Prophetie. Es ist eine Herabwürdigung der gesamten talmudischcn Arbeit, deren Anfänge sich wohl in die Zeit nationaler Unabhängigkeit hinein erstrecken mögen, die sich aber dort offensichtlich auf der Staatsidee gleichgültig, wenn nicht feindlich gegenüberstehende pharisäische Elemente stützen, wenn man ihre schöpferische Kraft leugnet, und die Religionsphilosophie mag gewiß in ihren Zielen zu verwerfen sein, die Fülle ihrer schöpferischen Einzelideen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.