Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 2 (25.10.1918)
- Article
- Geschichtsirrtümer
- Date
- 1918-10-25
- Page
- Seite 36 (sequence 6)
- Language
- German
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36 des heiligen Landes dar. Es gab freilich auch eine Zeit, da man von feindlicher Seite den Vorwurf der Halbheit fürchtete und zu diesem Zwecke ein doppeltes Nationalbewußtsein konstruierte. Mochte man es auch anders nennen, mochte man von deutschemStaats-und jüdi,§eh e m N a.ti o n a 1 ge f ü h 1 sprechen, von 'denen man meinte, ""äSsia sielTharmonisch ergänzten und vertrügen, in der Sache kam es auf eine doppelte Gesinnung heraus. Und der Glaube an'die Möglichkeiteiner solchen ist ein weiterer Irrtum von gefährlicher Natur. Denn er kann*wirklich Halbheit und seelische Unzufriedenheit züchten, wenn er dio Erfüllung von zwei Aufgaben verlangt, die zum mindesten ohne Schnittpunkte sind, falls sie sich nicht gar widersprechen. Möglich wäre ein doppoltes Nationalbewußtsein bei zwei Gemeinschaften, von denen die eine ganz und gar innerhalb der anderen liegt. Ein Ire mag britisches Nationalgefühl besitzen. Sonst aber kann derartiges nicht vorhanden sein. - Nationalbewußtsein legt auf die in Betracht kommenden seelischen 'Kräfte und Stimmungen ganz und gar Beschlag, es gibt hier keine Kompromisse, sondern nur ein Entweder-Oder. Die 'Arbeit für das eine beeinträchtigt die für das andere, mögen selbst zwischen ihfcten keine politischen Gegensätze vorhanden sein. Sowenig wie man deutsch und spanisch empfinden und beiden Reichen ein wirklich wertvolles Glied sein kann, sowenig kann man Deutschtum und jüdischen Nationalismus miteinander vereinen. Daß diese Konstruktion ein großer Irrtum ist, geht daraus hervor, daß sie keineswegs einen geschichtlichen Grundsatz in Deiner Anwendung auf jüdische Verhältnisse, sondern nur einen künstlich geschaffenen Beschwichtigungsversuch für das pochende Gewissen manches Nationaljuden darstellt. Eine große Rolle spielt nun weiterhin in allen theoretischen Diskussionen die Frage des Messianismus und der Mission des Judentums. Der Zionismus macht insbesondere den (liberalen Religionsjuden zum Vorwurf, daß die Mission einfach eine Erfindung fortschrittlicher Rabbiner sei und daß der Messianismus nicht mehr dem Sinne ,der jüdischen Überlieferung genüge. In etwas gemilderter Gestalt richten Bich die gleichen Anklagen auch gegen die Orthodoxie. Die Angegriffenen behaupten wiederum, daß die Mission im Wesen und im Wfc>rte des Judentums begründet und daß das national-jüdische messianische Ideal alles andere als das der Bibel sei. Ohne bestreiten zu wollen, daß von liberaler Seite die Missionsidee parteimäßig stark ausgebeutet worden ist und daß auch die Ausdeutung des messianischen Gedankens sich von der überlieferten Lehre sehr weit entfernt, muß doch betont werden, daß auch hier von nationaljüdischer Seite für neue Ideen alte Begriffe verwendet werden, wobei dann dem historischen Judentum der Vorwurf gemacht wird, daß es sich nicht auf die modernen Wünsche eingestellt hat Im nationaljüdischen System, das'auf Konzentration, Loslösung von der Welt und jüdisches Eigenleben eingestellt ist, das von der These ausgeht, das jüdische Volk sei ein Volk wie jedes andere auch, war Mission'ein Zeichen von Hochmut und ein Versuch zur Verwischung nationaler