Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 2 (25.10.1918)
- Article
- Geschichtsirrtümer
- Date
- 1918-10-25
- Page
- Seite 33 (sequence 3)
- Language
- German
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aber ein jüdisch-nationales Leben führen. Die Bedingungen ihres nationalen Seins sind nicht auf jüdischem Boden erwachsen, die Ergebnisse der nationalen Kultur, soweit sie nicht religiös ist, haben mit Judentum nichts zu tun. Weder in der Sprache, noch in allen anderen Kulturäußerungen bilden sie eine erkennbare Fortsetzung der .alten jüdischen Verhältnisse, und man mag.die Probe machen und fragen, ob. die Ostjudenkultur sich auf die jüdische Gesamtheit übertragen ließe! Auch der eifrigste Zionist wird es verneinen, auch für ihn bleibt sie im besten Falle „Ersatz44, muß es notwendigerweise sein, da sie sachlich deutsch und nicht jüdisch ist, formell aber nicM der freien Entwicklung, sondern dem Ghetto zwang ihre Gestalt verdankt So mögen die Ostjuden eine „Nation von Juden44 sein, die „jüdische Nation44 sind sie aber nie und nimmer. Hiermit steht im Zusammenhang ein Irrtum, der freilich auch nur ein Agitationsmittel sein mag und als solcher keiner Zurückweisung bedarf. Man begegnet oft einer Gleichsetzung von jüdischem Nationalbewußtsein mit Nationalgefühl überhaupt, und stellt es so dar, als ob ein Jude, der nicht j ü d i s c h - national empfindet, überhaupt eine kosmopolitisch-internationale Gesinnung hegen müsse. Es liegt natürlich eine petitio "prineipii vor, indem - schlankweg eine jüdische Nation wie eine ethische Verpflichtung, sich zu ihr zu bekennen, bei jedem Juden vorausgesetzt wird, wohingegen — oft unbewußt, oft auch mit voller Absicht — übersehen wird, daß für den religiösen Juden die nationale Gesinnung und Betätigung, die auf politische Inhalte eingestellt ist, von seinem Judentum völlig zu trennen sind und daß er innerlich wie äußerlich ein nützliches und begeistertes Glied der Kultur seines Landes zu sein vermag. Nachdem sich nun einmal — gewisse neuere Reaktionen sind noch keineswegs erfolgreich durchgedrungen — der jüdische Nationalbegriff in schrankenloser Assimilation dem Denken anderer Völker gemäß entwickelt hat, entsteht ein weiterer Irrtum, sobald die Zukunft in Frage kommt Man knüpft an Vergangenes an und glaubt, die jüdische Nation, die nach der Zerstörung des Tempels als Rechtsinstitution verschwand, könne auf derselben Grundlage wieder entstehen, als ein religiöser Staat mit politischer Macht! Und man vergißt die Kleinigkeit, daß in den fast zweitausend Jahren die Anschauungen über das Staatsrecht eine durchgreifende Wandlung erfahren haben. Damals waren Staat und Religion identisch! Cuius regio religio! Es herrschte ein religiöses Territorialprinzip, und die Beachtung des Religionsgesetzes konnte der Staat erzwingen! Es dürfte sich nun — und das ist nicht das geringste Verdienst der jüdischen Lehre und des jüdischen Beispiels — inzwischen der Grundsatz durchgesetzt haben, daß Religion Gewissens- und demgemäß vom Standpunkte des Staates aus Privatsache ist, und die preußische Lehre vom „christlichen44 Staat ist fraglos ein dem Untergang geweihtes Prunkstück eines Antiquitätenkabinetts. Die Entwicklung von zwei Jahrtausenden läßt sich nicht beiseite schieben, und damit ist jedem'