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Neue jüdische Monatshefte · 1918-10-25 · Heft 2 (25.10.1918) · p. Seite 32

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 2 (25.10.1918)
Article
Geschichtsirrtümer
Date
1918-10-25
Page
Seite 32 (sequence 2)
Language
German
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32 sich eine Ahnengalerie anlegt. Historisohe Kontinuität scheint meist als ein ethisches Prinzip empfunden zu werden. Später gewiß, wenn der Sieg errungen ist, wird immer das absolut Neue betont. Aber bis dahin klammert man sich an den Gedanken, eine geradlinige Fortsetzung des Alten zu sein. Auch der Zionismus beweist am deutlichsten durch seinesteten Versuche, an Vergangenes anzuknüpfen, daß er noch nicht zur geistigen Macht gelangt ist, und nur selten begegnet man dem Kraftgefühl, wie es aus dem bekannten Worte Moritz Golds'teins spricht: „Wir dagegen erklären das Judentum, für das unsere Väter lebten, litten und starben, für tot". Die steten Versuche, das ehrwürdige Alter einer in Wahrheit neuen Idee zu erweisen, sind eine Quelle immer frischer Streitigkeiten, da die bekämpfte Richtung sich fremdartige Ausdeutungen ihres Wesens nicht gefallen lassen will. Und hierin liegt begründet, warum die literarischen Diskussionen über das Wesen des Nationaljudentums soungemein unfruchtbar sind. Aus einer reinen Machtfrage wird ein Prioritätsstreit und ein historisches Problem. Die.Ideale einer noch nicht realisierten Zukunft werden in "die Vergangenheit projiziert und die Vieldeutigkeit gewisser Schlagworte gibt dazu die Möglichkeit. In Keinkultur begegnete man dieser Methode in dem Aufsatz von Dr. Abraham Schlesinger über den „Zionismus und die messianisehe Sendung des Judentums'4, der im 18. Hefte dieser Zeitschrift vom 25. Juni 1918 erschien. Die folgenden Zeilen wollen einen flüchtigen Überblick über eine Anzahl derartiger historischer Unstimmigkeiten geben, deren viele es freilich verdienten, eine liebevoll vertiefende Behandlung zu erfahren. Im Vordergrunde steht der Begriff der „N a t i o n". Es soll keineswegs den vielen vorhandenen eine neue Definition hinzugefügt werden. Wenn aber der Nachweis versucht wird, daß das Judentum eine Nation „sei", so .macht man den Fehler, einerseits den Zukunftswunsch an den Verhältnissen der übrigen Gegenwartsnationen zu orientieren, andererseits aber den bestehenden Zusammenhang im Judentum diesem Ideal gleichzusetzen. Wenn man das Band, das alle Glieder des Judentums umschlingt, in dem die gemeinsame Religion an erster begriffsbildender Stelle steht, ein nationales nennen will, so ist nichts dagegen einzuwenden, sofern man dem zionistischen Begehren, das gemeinsames Land, Sprache und Kultur vorsieht, eine andere Bezeichnung gibt. Man kann es auch — und das erscheint richtiger — umgekehrt machen, jedenfalls aber müssen sie streng geschieden werden, da sio wesensungleich sind. Ebenso verwirrend wirkt auch die Gleichsetzung von Nation mit jedem nationalartigen Zusammenleben. Die Nation hat zwingend© Eigenschaften und ein ihr eigentümliches Wesen, das sich mit Naturnotwendigkeit in Eigenentwicklung ergibt. Ein nationalartiges Wesen kann aber auch*von außen her erwirkt und auf einer dem Sein der Gemeinschaft fremden Basis sich erheben. So ist es den Ostjuden ergangen, und sie mögen wohl ein nationales, keineswegs

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