Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 2 (25.10.1918)
- Article
- Unsere Ostprovinzen und die Juden
- Date
- 1918-10-25
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Vielleicht werden sich jetzt die t Initiatoren einer verfehlten Minoritätspolitik, .die Herren v. Bethmann, Sehring (die traurige Rolle, die der letztere-bei den Verhandlungen gespielt hat, wird später noch aufgedeckt werden müssen), v. Mutius u. a. an die Brust greifen mit dem Schuldbekenntnis: mea culpa, jnea maxima culpa! Und sie werden sich dabei in Gemeinschaft deutscher Juden befinden, deren im Einvernehmen mit ihnen gepflogene Politik in Polen ebenfalls von einem völligen Fiasko begleitet gewesen ist. Die Polen verlangen heute mit der ihnen eigenen Bescheidenheit für ihr großpolnisches Reich Bezirke der preußischen Provinzen Schlesien, Posen und Westpreußen, auch die lirdeutsche Stadt Danzig, deren polnische Bevölkerung nur etwa 2 Prozent ausmacht, Sie stützen sich.dabei auf das „historische" Prinzip. Sie stützen sich nämlich immer gerade auf das Prinzip, das ihnen für ihre Ansprüche geeignet erscheint. Haben sie einen Bezirk mit ursprünglich fremdstämmiger Bevölkerung im Laufe der Zeit polonisiert, wie z. B. den von Wilna oder Bialystok, so fordern sie ihn für sich, weil die Bevölkerungsmehrheit in ihm die polnische Sprache spricht, also auf Grund des nationalen und unter Verzicht auf die Anwendung des historischen Prinzips. Ist aber der Bezirk 'früher einmal polnisch gewesen und hat jetzt deutsche oder sonst anderssprachige Bevölkerung, so stützen sie sich auf das historische Prinzip und verzichten auf das nationale. Ganz nach der Gelegenheit. Und schließlich haben sie noch die überaus praktische Lehre von der Zugehörigkeit der nationalen Enklaven erfunden, die ihrem politischen Sinn für Realitäten alle Ehre macht. Vielleicht werden wir im Laufe der Zeiten erleben, daß sie z. B. den Kreis Bochum als polnische „Enklave" für sich in Anspruch nehmen, wo ja 150—200 000 Polen zugewandert sind. Diese Theorie gilt aber selbstverständlich nicht für ihr eigenes Land, in dem sie anderssprachige Enklaven unter keinen Umständen zu dulden gesonnen sind. Denn für Polen selbst gilt . natürlich das historische Prinzip, das. die absolute Integrität und Geschlossenheit des Gebietes fordert. Neben dem allgemeinen Interesse des Reichs berührt uns vor allem das unserer in den Ostprovinzen wohnenden jüdischen Stammesgenossen. Posen, Westpreußen und Schlesien werden von einer jüdischen Bevölkerung bewohnt, deren Einfluß durch die starke Vertretung in Handel, Industrie und Gewerbe weit über die bloß zahlenmäßige Bedeutung hinausgeht. Diese jüdische Bevölkerung ist deutsch nach Sprache und Kultur, mit unzähligen Fäden wirtschaftlicher und persönlicher, Natur an das deutsche Inland gekettet und wird, wie jedem * mit den Verhältnissen Vertrauten bekannt ist, seit Jahrzehnten wegen dieser ihrer deutschen Orientierung von den Polen in den Ostprovinzen bitter gehaßt und angefeindet. Ein so guter und keineswegs durch besonderen Philosemitismus ausgezeichneter' Kenner der Verhältnisse in den Ostprovinzen, wie der früher an der Königlichen Akademie in Posen tätige Professor Waldemar Mitschcrlich, sagt in seinem bekannten Buche „Die Ausbreitung