Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 1 (10.10.1918)
- Article
- Die Judenfrage als eine russische Frage
- Date
- 1918-10-10
- Page
- Seite 20 (sequence 3)
- Language
- German
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20 zwischen zwei Polen eine starke Anziehung und eine ebenso starke Abstoßung. Das Christentum ist aus dem Judentum geboren, das Neue Testament — aus dem Alten. Der Apostel Paulus, der mehr als alle gegen die Juden kämpfte, sagt: „ Ich habe gewünscht, verbannt zu sein von Christo fürmeine Brüder nach dem Fleisch," d. h. für die Juden. Und auch Christus selbst ist ein Jude im Fleische. Die Lästerung des Judentums ist eine Lästerung des Fleisches Christi. Von der Anziehung darf man wohl sprechen, von der Abstoßung aber nicht* Wie kann man auch mit einem, der keine Stimme hat, stielten?! Die Rechtlosigkeit der Juden erlegt uns Christen Schweigen auf. Was für sie eine äußere Vergewaltigung ist, ist für uns eine innere Vergewaltigung, Wir dürfen das Christentum vom Judentum nicht scheiden: das würde, wie ein Jude mir einmal sagte, die Errichtung „einer neuen, geistigen Ansiedlungsgrenze" bedeuten. Schafft zunächst die materielle Ansiedlungsgrenze ab, und dann werden wir von der geistigen sprechen können. Solange das nicht geschehen ist, muß die Wahrheit des Christentums vor dem Antlitze des Judentums ohnmächtig * bleiben. Warum ist die Judenfrage jetzt, während des Krieges, besonders schmerzhaft geworden? Wrir nannten diesen Krieg einen „Befreiungskrieg". Wir begannen ihn, um die uns Fernen zu befreien. Wir lieben die Fernen. Warum hassen wir dann die uns Nahen? Außerhalb Rußlands lieben wir, in Rußland hassen wir. Wir haben mit allen Mitleid, aber gegen die Juden sind wir mitleidslos. Da sterben sie für uns auf den Schlachtfeldern; sie lieben uns, die wir sie sie hassen, und wir hassen sie, die sie uns lieben. Wenn wir auch weiter so handeln werden, wird uns niemand mehr glauben. Die Völlker werden zu uns sagen: „Ihr versteht nur aus der Ferne zu lieben. Ihr lügt." Wir aber hofften, daß unsere Kraft in der Wahrheit sei. Wir wollten mit unserer Wahrheit die Gewalt besiegen. Wenn wir das immer noch wollen, so dürfen wir nicht mehr lügen; wir dürfen nicht durch diese Lüge unsere Wahrheit, die siegende Kraft schwächen. Unsere Gegner sagen: Wir kämpfen für die Welt, für die Herrschaft über die Welt; und sie tun es auch. Wir aber sagen: Wir kämpfen für den "Frieden, für die Befreiung der Welt, und wir müssen tun, was wir sagen. Im Worte „Mir"1) setzen unsere Gegner den Punkt auf das „i". Unterscheiden wir uns von ihnen nur dadurch, daß wir diesen Punkt nicht setzen? Russisch klingen die Worte „Welt" und „Friede" vollkommen gleich: um so mehr müssen wir uns nicht nur in der Sprache, sondern auch im Herzen von unseren Gegnern unter-- ■») „Mir" heißt russisch „Welt" und „Friede"; im ersteren Sinne wird es aber mit dem DoppeM ohne Punkt, im letzteren mit dem punktierten i geschrieben. 1