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Neue jüdische Monatshefte · 1918-10-10 · Heft 1 (10.10.1918) · p. Seite 19

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 1 (10.10.1918)
Article
Die Judenfrage als eine russische Frage
Date
1918-10-10
Page
Seite 19 (sequence 2)
Language
German
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19 darüber zu sprechen; man kann nur zugleich mit den Juden um Hilfe schreien. Und das tun wir auch. Das Schreien allein genügt aber nicht. Und diese Erkenntnisdaß das Schreien allein nicht genügt, macht uns schlaff und ohnmächtig. Es ist so schwer, schmerzlich und beschämend . . . Aber wir schreien auch trotz des Schmerzes und trotz der Schande; wir schwören und beweisen den Leuten, die das Einmaleins nicht kennen und nicht wissen, daß 2X2 4 ist, daß die Juden ebensolche Menschen sind wie wir, keine Feinde des Vaterlandes, keine Verräter, sondern ehrliche russische Bürger, die ihr Vaterland nicht weniger lieben als wir; daß der Antisemitismus ein Schandmal auf der Stirne Rußlands ist. Neben diesen Schreien kann man wohl auch noch ganz ruhig folgenden Gedanken aussprechen: „Jndophobie" und „Judophilie44 sind miteinander verbunden. Die blinde Verleugnung eines fremden Volkstums weckt eine ebenso blinde Bejahung des gleichen Volkstums. Wenn die einen für alles in dem fremden Volkstum ein absolutes „Nein44 haben, müssen die andern zu allem ein ebenso absolutes „Ja44 sagen. Was heißt „Judophile", speziell heute in Rußland? Das ist ein Mensch, der die Juden mit besonderer, ausschließlicher Liebe liebt und in ihnen eine größere Wahrheit sieht als in allen anderen Völkern. Als solche „Judophilen44 erscheinen den Nationalisten, den „echt russischen Leuten*4, wir, die wir keine „echt russischen Leute44 sind. „Was gebt ihr euch immer mit den Juden ab?44 fragen uns die Nationalisten. Wie können wir uns aber mit den Juden nicht abgeben, und nicht bloß mit den Juden, sondern auch mit den Poden, Armeniern, Georgiern. Ruthcnen usw.? Wenn vor unseren Augen jemand beleidigt und vergewaltigt wird, so können wir „als Menschen4' doch nicht ruhig vorbeigehen: wir müssen helfen oder wenigstens zugleich mit dem Beleidigten um Hilfe schreien. Das tun wir auch, und wehe uns, wenn wir es zu . tun aufhören, wenn wir aufhören, Menschen zu sein, um Russen zu werden. Ein ganzer Wald von Nationalfragen ist um uns gewachsen und hat den russischen Himmel verdeckt. Die Stimmen aller in Rußland wohnender Zungen haben die russische Sprache übertönt. Das ist unausbleiblich und gerecht. Wir haben es schlecht, sie haben es aber noch schlechter; uns tut alles weh, ihre Schmerzen sind aber noch größer. Und wir müssen uns selbst um ihretwillen vergessen. Darum sagen wir zu den Nationalisten: „Hört doch auf, fremde Volksstämme zu unterdrücken, damit wir das Recht haben. Russen zu sein, damit wir unser nationales Gesicht mit Würde, als ein menschliches und kein tierisches Gesicht zeigen können.44 Hier nur ein Beispiel. Die Judenfrage hat nicht nur eine nationale, sondern auch eine religiöse Seite. Zwischen Judentum und Christentum besteht wie

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