Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 1 (10.10.1918)
- Article
- Die neueren Bestrebungen des Hamburger Tempels
- Date
- 1918-10-10
- Page
- Seite 17 (sequence 6)
- Language
- German
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17 Die ausschließliche Betonung des nur Konfessionellen rächte sich. Gewiß ist Judentum, zuerst und im wesentlichen Religion. Unsere Existenzberechtigung schöpfen wir aus der Tatsache unserer religiösen Überzeugung. Aber! Wir sind doch zum Unterschiede von unserer christlichen Umgebung eine Bekennerschaft auf stammlicher Grundlage, und fast das ganze zeremonielle Beiwerk hat nationale Herkunft und nationale Begründung. Indem der deutsch-jüdische Liberalismus das Judentum für die Bedürfnisse nur seiner Juden zurechtstutzte, schuf er eine Kluft zwischen sich und den Juden anderwärts, die um so breiter wurde, je konsequenter er darin vorging, bis er schließlich vereinsamt dastand und, sehr zu seinem Schaden, den belebenden Einfluß entbehren mußte, der naturgemäß von einer Majorität ausgeht, die voll und ganz im Jüdischen lebt. Er verkümmerte, da ihm die Zufuhr an Blut und Gedanken fehlte. ... Der innige Zusammenhang mit dem Judentum aller Länder und Völker tutuns aber auch aus einem anderen Grunde not. Je schärfer wir Liberale die rein religiöse Aufgabe Israels im prophetischen Sinne hervorheben, um so dringlicher müssen wir uns auch zur Erkenntnis durchringen, daß sie nur erfüllt werden kann durch das Gesamtjuden tum. Im Banne des Parteistandpunktes haben wir vergessen, daß darüber der klal jisroel-Begriff steht, und daß unsere eigene Orientierung zu geschehen habe, immer im Hinblick auf unseren innigen Zusammenhang mit der Gesamtheit! Damit soll gesagt und gefordert sein, daß alle Beform nicht so sehr deutsche oder andersnationale, sondern jüdische Bedürfnisse zu berücksichtigen habe. Auf der sogenannten nationalistischen Seite sehen wir eine ähnliche Entwicklung. Im Vordergrunde stand das nationale Moment, Religion Nebenerscheinung, Privatangelegenheit. Auch dort zunächst das Fehlen der Erkenntnis, daß die Eigenart des Judentums aus zwei Quellen, der nationalen und religiösen strömt. Und insoweit man zum Religiösen Stellung nahm, geschah dies aus dem Gesichtspunkte heraus, daß der Liberalismus zu bekämpfen, die Orthodoxie zu fördern sei. Warum? Weil diese Hoffnungen auf ein künftiges Zion nicht aus ihren Gebeten entfernt habe. Als ob die Motive, welche die Orthodoxie jene Stellen sagen läßt, nicht grundsätzlich andere wären als die der Nurnationalcn! Doch es scheint, als ob im nationalen Lager die Periode der Negierung des Religiösen überwunden sei. Der Wunsch nach Vertiefung, die Ideen Achad H a a m s, Bubers, M a t h i a s A c h e r s sind doch schließlich nichts anderes als die Forderung nach Anerkennung des religiösen Ideals. Bedarf der Liberalismus des nationalen Einschlags und begreift der Nationalismus, daß er ohne das Religiöse nicht sein kann, dann ist damit gesagt, daß beide Bewegungen aufeinander angewiesen sind. S i e gehöre n z usamme n! Welcher Segen erwüchse aus diesem Bunde. Wie viel wertvolle Kraft würden beide einander zuführen, wie unendlich viel sich gegen-