Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 1 (10.10.1918)
- Article
- Die neueren Bestrebungen des Hamburger Tempels
- Date
- 1918-10-10
- Page
- Seite 16 (sequence 5)
- Language
- German
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16 Hundert Tempeljahre liegen hinter uns, ein neues Säkulum beginnt Da gilt es, Rückschau und Ausblick zu halten. Ich vermag es nichts bedingungslos in den Jubel einzustimmen, den die Jahrhundertfeier wohl vielfach auslöst. Man braucht nur die Tempelakten aufzuschlagen, die Namen der Gründer und ersten Mitglieder nachzulesen, um nachdenklich gestimmt zu werden. Wo sind die Enkel dieser für ihr Ideal so begeisterten Ahnen? Wo stehen, vielfach, die Nachkommen selbst der geistigen ehemaligen Führer? Im anderen Lager. . . . Solilten doch diejenigen recht behalten, die immer prophezeiten, der Weg zur Taufe führe über die Reform? Es ist nicht wahr. Man braucht nur auf Jakob Bernais hinzuweisen, und die Liste läßt sich beliebig vermehren, um zu beweisen, daß der Weg zum Übertritt von der Orthodoxie nicht länger ist. Das darf uns aber nicht blind machen dagegen, daß nicht alles bei uns ist, wie es sein müßte. Wobei nicht nur die Hamburger liberale Lage gemeint ist. Man wird zugestehen müssen, daß alle noch so heißen und ernsthaften Bemühungen um die Wiederbelebung des religiösen Sinnes wirklich durchgreifenden Erfolg nicht gehabt haben. Ob der Fehler wirklich bei den Massen liegt, ob er im modernen Leben zu suchen ist? Ich glaube nicht. Das religiöse Bedürfnis ist bei den Nichtorthodoxen nicht geringer wie bei den Orthodoxen, und das moderne Leben hat auch in der Judenheit eine entschiedene Neigung zur Religion. Es müssen andere Ursachen sein, die daran schuld sind, daß dem liberalen Gedanken die werbende Kraft versagt blieb. Der religiöse Liberalismus entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum ausgesprochenen Konfessionalismus. Er reformierte das Gebetbuch und den Kultus fast ausschließlich in Rücksicht auf die Emanzipation, die er dadurch zu erringen hoffte. Ja sogar die Formulierung der essentiellen jüdischen Lehren und Forderungen — ich erinnere nur an die Antwort des französischen Sanhedrin auf die Fragen Napoleons —, geschah im Hinblick darauf. Man legte Wert darauf, dem Staate wie der Gesellschaft glaubhaft zu machen, daß der Jude sich nur und ausschließlich durch sein Bekenntnis von seinen Mitbürgern unterschiede. Was war die Folge? Das eigenartig Jüdische schwand immer mehr, der protestantische Einfluß wurde immer größer, die Zuriiekführung der jüdischen Lehre a.uf einige letzte ethische Sätze ließ den Unterschied des Judentums vo# den anderen Glaubensformen immer geringer erscheinen, so daß bei vielen nur oberflächlich Orientierten der Gedanke entstehen konnte,, da doch im Grunde Christentum und Judentum das Gleiche lehren, habe es keinen Sinn, alle die Opfer zu tragen, die das Verbleiben im Judentum mit sich bringe. . . . Als man die drohende Gefahr sah, griff man zum Mittel der Apologetik, und damit nahm die Entwicklung erst recht einen ungesunden Verlauf. Verteidigung war die Parole der Kanzel, Verteidigung der Inhalt der. erscheinenden Werke. Man sprach, man schrieb fast nur über das Judentum, Judentum selbst, davon hörte und las man kaum. Es fehlte eben der frische Hauch des Lebendigen.