Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 1 (10.10.1918)
- Article
- Die neueren Bestrebungen des Hamburger Tempels
- Date
- 1918-10-10
- Page
- Seite 18 (sequence 7)
- Language
- German
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18 seitig geben können. Wie. ganz anders gerüstet könnten wir den Pflichten entgegengehen,, die gerade jetzt unser harren. Bis dahin hat's noch gute Wege. Viel Hindernisse sind zu überwinden, viele Mißverständnisse aufzuklären, und, was das schwierigste ist; es gilt für T)eide umzulernen. Ich kann begreifen, wenn mancher Nur liberale namentlich der älteren Generation eine solche .Synthese als undiskutierhar ablehnt. Aber ich spreche ja von künftigen Bestrebungen des Liberalismus und bin gewiß, daß unsere Jugend — in beiden Lagern — - diesen Weg gehen wird, weil sie nicht anders* kann. Es ist der einzige zu unserer Gesundung. . Die jfodenfrage als eine rassische Frage Von Dmitrij Mereschkowskij*). ^^^ugenblickiich möchte man nur an Rußland allein denken und gftiä^ sonst an nichts in der Welt. Die Daseinsfrage aller Stämme und Öl!® Zungen, die es in Rußland gibt („Jeder Stamm und jede Zunge," wie es bei Puschkin heißt) ist auch die Daseinsfrage von Rußland selbst Man möchte gerne alUe diese Stämme und Zungen befragen: wie wollt ihr leben: mit Rußland oder ohne Rußland? Wenn ihr ohne uns leben wollt, warum wendet ihr euch dann an uns Russen mit der Bitte um Hilfe? Und wenn ihr mit uns leben wollt, so vergeßt in diesem schrecklichen Augenblick euch selbst und denkt nur an Rußland, denn wenn Rußland nicht mehr ist, so werdet ihr auch nicht mehr sein: Rußlands Rettung ist eure Rettung, Rußlands Untergang ist euer Untergang. Man möchte gerne sagen, daß es keine Judenfrage, keine polnische, armenische, georgische, ruthenisehe Frage mehr gibt, sondern nur die russische Frage allein. Man möchte das gerne sagen, darf es aber nicht. Die Tragödie der russischen Gesellschaft besteht eben daxin, daß sie augenblicklich nicht das Recht hat, es zu sagen. Darf sie denn sagen, daß das Wohl Rußlands auch das Wohl aller in ihm wohnenden Stämme und Zungen sein wird? Sagen kann man das ja leicht: wir haben es oft genug gesagt, aber heute glaubt uns niemand mehr. Der ganze Idealismus der russischen Gesellschaft in den nationalen Fragen ist ohnmächtig und darum unverantwortlich. In der Judenfrage ist das ganz besonders klar. Was wollen die Juden von uns? Eine moralische Entrüstung, ein Eingeständnis, daß der Antisemitismus schändlich sei? Das Eingeständnis ist ja schon längst gemacht; die Empörung ist so stark und so einfach, daß es heute beinahe unmöglich ist, vernünftig und einfach *) Der nachfolgende Beitrag ist im einem im vorigen Jahre erschienenen Buche von Meresch ko wski j „Vom Kriege zur Revolution" erschienen.