Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 1 (10.10.1918)
- Article
- Die neueren Bestrebungen des Hamburger Tempels
- Date
- 1918-10-10
- Page
- Seite 15 (sequence 4)
- Language
- German
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15 deutung darstellen. Am Sabbat faßte man eben alles zusammen, was auf ihn Bezughatte, an den Festen desgleichen. Und so gehört für den Saibbat das w schomru ebenso zur Liturgie, wie waj, chulu und am Tage das Sabbatopfer. Der Jude, der diese Stellen zur bestimmten Zeit sagt, treibt gewissermaßen Geschichte und erlebt die Entwicklung des Sabbats, was im Sinne eines gesteigerten* historischen Bewußtseins sicherlich nur zu begrüßen ist. Schwierig wird die Sache erst, wenn damit das Verlangen nach wörtlicher Annahme gestellt wird, davor bewahrt uns aber — wie oben erwähnt — die Elastizität des Texfes. Man darf ferner nicht glauben, daß die gesamte Orthodoxie so verblendet wäre, daß sie nicht ebenfalls die Schwierigkeit der .Beibehaltung .jeder Stelle empfände. So sagte mir jüngst erst einer ihrer Wortführer: „Meinen Sie, wir wüßten nicht, daß jekum purkon eine Unmöglichkeit ist? Aber mit drei Worten kommt man darüber weg, man braucht nur vor den Text zu setzen: Kach omru awaussenu, so sprachen unseie Väter . . Mich dünkt, der Mann hatte recht. Welchen Vorteil hätte das einheitliche Gebetbuch? Nun ich glaube, unermeßlichen. Alle Zerklüftung mit ihren entsetzlichen Schäden, wäre vermieden, denn daß die Übersetzung von dem überkommenen Rechte der freien Deutung ausgiebig Gebrauch macht, daran könnte nur der Unwissende ernstlich Anstoß nehmen. Ich bin mir bewußt, mit dem Verlangen nach dem ursprünglichen Texte entschiedenem Widerspruch zu begegnen, halte es aber doch für nieine Pflicht, als richtig Empfundenes einmal zur allgemeinen Diskussion zu stellen. Im Zusammenhang mit meinem Thema wollte ich hier damit nur gesagt haben, daß prinzipielle Bedenken nach meiner Überzeugung einem Zusammenwirken mit der konservativen Richtung nicht entgegenstehen.' Wir können somit diesen Schritt des Tempels zum Konservatismus hin vor dem Prinzip eines wohlverstandenen Liberalismus wohl vertreten, wir können ihn aber auch rechtfertigen vor den Gründern. M. Frankel, einer der beiden Verfasser des ersten Gebetbuches, der Hauptkämpferim Gebetbuchstreit, sagt ausdrücklich: „Der Tempel wollte in der Synagoge bleiben. Er blieb auf dem israelitisch-positiven Boden stehen, und suchte sich auf demselben in seiner Wesenheit festzuhalten und organische Tätigkeit zu geVinnen. Er mochte sich dabei von der Gesamtheit auf keinerlei WTeise ablösen. . . . Der Tempelverein zog es vor, lieber ein integrierender Teil des Ganzen zu verbleiben und dieses akkommodierend zu berücksichtigen, als einen kleinen losgerissenen Teil vollständig zu befriedigen. . ." („Theologische Gutachten über das Gebetbuch", Einleitung.) Aus dem bisher Ausgeführten ergibt sich die jetzige Tendenz des Tempels. Er strebt mit Bewußtsein zur Mitte. Lehnt mit Entschiedenheit das religiös Extreme ab und will eine Sammelstätte derjenigen Juden unserer Gemeinde sein, di§, freiheitlich gesonnen, Wert und Würde der Tradition begreifen.