Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 1 (10.10.1918)
- Article
- Die neueren Bestrebungen des Hamburger Tempels
- Date
- 1918-10-10
- Page
- Seite 14 (sequence 3)
- Language
- German
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14 Erhaltung des Judentums in weiten Kreisen getan zu haben. Als durch Berufung eines Rabbiners einer hiesigen ansehnlichen Privatsynagoge mittlerer .Richtung mit konservativem Gottesdienst nach Berlin .eine Vakanz eintrat, wurde. der Wunsch einer, wenn auch lockeren Verbindung dieses Instituts mit dem Tempel in dem Sinne laut, daß dessen Rabbiner dort ebenfalls amtieren. Das ist geschehen, und seit zwei Jahren stehen uns nun zwei Kanzeln und zwei Gemeinden zur Verfügung. Es entsteht die Frage, ob der Tempel mit dieser Entschließung von seiner ursprünglichen Tendenz abgegangen, ist, wobei berücksichtigt werden muß, daß in der Synagoge der alte Sidur benutzt wird. Die Antwort darauf ist nur im Rahmen der weiteren Frage mög-. lieh: Schließt der Liberalismus eine Mitwirkung an konservativen Einrichtungen aus, und nimmt das modifizierte Gebetbuch im fortschrittlichen Judentum eine derartige Zentralposition ein, daß es hier nur ein £ntwoder-Oder gibt? Wenn man die Entwicklung des Liberalismus im letzten Jahrhundert überblickt, so kann nicht in Abrede gestellt werden, daß die Revision desySidurtextes eine seiner emsigsten Bemühungen darstellt. Der Rationalismus, aus dem das liberale Judentum hervorging, verlangte die Ausmerzung von Gebeten, die unserem historischen, ästhetischen und namentlich dem geläuterten ethischen Empfinden nicht mehr entsprächen. So fielen die Partien, welche den Opferkutt betrafen, die Stellen, die von einer künftigen Sammlung der Zerstreuten im heiligen Lande sprachen, das wlamalschinim und andere mehr. Sollte aber nicht eine andere, ich möchte sie die psychologische Betrachtungsweise nennen, richtiger sein? Verlangt nicht gerade das religiöse Problem eine Überwindung des Rationalismus, wie dieser doch in der modernen Philosophie und in der christlichen Anschauung überholt ist? Der Gebettext, das kann man ruhig behaupten, ist im jüdischen Bewußtsein niemals etwas derart Sakrosanktes gewesen, daß seine wörtliche Annahme unerläßlich wäre, wobei ich allerdings die Anschauung der deutschen Neuorthodoxie ausschalte und an das Judentum denke, das im Osten, die Materie souverän beherrschend, stets freier dachte. Für den weitaus größten Teil des östlichen Judentums hatte und hat der Gebettext dieselbe Elastizität, welche dem Bibeiwort eigen ist, das je nach dem Midrasch alter oder neuer Erklärer seine Ausdeutung verlangt und erträgt. Nichts ist bezeichnender als die Tatsache, daß vor kurzem auf die Frage eines in Warschau erscheinenden jüdischen Blattes, ob im Falle einer baldigen Besiedlung •des heiligen Landes durch Juden auch wieder der Opferkult eingeführt werden müßte, die Meinungen geteilt waren, und, die sich widersetzten, beileibe nicht „Liberale11, sondern Orthodoxe waren wie ihre sachlichen Gegner. Bei der Bewertung der einzelnen Texte hat man zu berücksichtigen einmal, daß sie nur zum geringsten Gebete im strengen Wortsinne sind, und dann, daß sie eine möglichst umfassende Zusammenstellung bezüglicher Bibelsteilen je für den betreffenden Tag und seine Be-