Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 1 (10.10.1918)
- Article
- Die neueren Bestrebungen des Hamburger Tempels
- Date
- 1918-10-10
- Page
- Seite 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908735-2908737-2911331--2033-2911357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
13 sephardisehen Aussprache ist zweifellos darauf zurückzuführen, daß zu den Tempelgründem eine Anzahl Familien der hiesigen aHehrwürdigen portugiesischen Gemeinde gehörte. (M. Fränkei in den „Theologischen .Gutachten über das Gebetbuch", Seite 4, Einleitung.) Das hatte sich unterdessen geändert, und es war nur folgerichtig, der nunmehr fast durchweg deutschjüdischen Gemeinde ihren Minhag zu geben, den sie aus den Synagogen, aus denen sie kam, kannte, besonders, wenn prinzipielle Gründe nicht dagegen sprachen. Dieser Weg wurde seitdem, konsequent weitergegangen. Vor 0 Jahren wurde für die portugiesische Aussprache die aschkenasische eingeführt, statt violer bisher üblicher sephardischer Melodien der synagogale Gelang wie in den übrigen deutschen liberalen Synagogen nach dem Muster der Schöpfungen Sulzers und L e w a ndowskis gewühlt. Wie andere Gemeinden beschäftigte auch uns das so schwierige Sabbat problem. Der Sabbatgottesdienst war mangelhaft besucht, namentlich die jüngeren Tempelmitglieder mußten in irgendeiner Weise dem Gotteshause regelmäßig zugeführt werden. Es wurden Wünsche laut, neben dem Sabbateinen Sonntagsgottesdienst einzuführen, oder wenigstens alle 4 Wochen nach dem Neumondstage eine rausch-chaudcschandacht am folgenden Sonntag abzuhalten. Beide Vorschläge scheiterten am Einspruch der Rabbiner. Hingegen wurde beschlossen, in den Wintermonaten regelmäßige Vorträge «in Sonntagen im Gotteshause zu halten, um einmaü die Gemeinde mit aktuellen jüdischen Fragen bekannt zu machen, dadurch ihr Interesse zu wecken und ihr schließlich den Tempel immer wieder als jüdische Zentralstätte ins Gedächtnis zu bringen. Der starke Besuch dieser Veranstaltungen bewies, daß der Versuch geglückt war, und wir. glauben damit auch jüdisch in dem Sinne gewirkt zu haben, daß wir das Bethaus wieder zur „Schule'4 machten. Von grundsätzlicher Bedeutung war aber in jüngster Zeit ein anderer Schritt. Die Stellung des Tempels zur religiösen Gesamtheit war in Hamburg immer eine andere wie die.iliberaler Synagogen anderwärts. Das ehemalige Anathema — übrigens niemals ausgesprochen —, aber faktisch durchgeführt, wirkte nach. Nach wie vor galt der Tempel, nachdem längst allenthalben Gotteshäuser gleicher Richtung gegründet waren, als eine Einrichtung, deren Besuch man selbst in den Kreisen scheute, die iiv ihrer Lebensführung sich von der Orthodoxie abgewendet hatten. Falsch verstandene Pietät, nimmermüde Propaganda waren am Werke, wir haben in Hamburg eine Unzahl Leute, die lieber gar kein Gotteshaus besuchen, als sich zum' Tempel entschließen, wie es zahlreiche Konservative gibt, die auswärts unbedenklich in eine Orgelsynagoge gehen, in der Heimat einen solchen Schritt unter keinen Umständen wagen. In dieser Beziehung leidet der Tempel noch heute unter dem Odium seiner ehemaligen Gründung. . . . Dieser Zustand war auf die Dauer unhaltbar. Dadurch, daß sie eine orthodoxe Synagoge nicht besuchten und den Tempel mieden, gingen viele Familien allmählich dem Judentum verloren, wir durften bei dieser Gefahr nicht untätig bleiben, konnten uns dem Vorwurf nicht aussetzen, nichts zur