Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 1 (10.10.1918)
- Article
- Die neueren Bestrebungen des Hamburger Tempels
- Date
- 1918-10-10
- Page
- Seite 12 (sequence 1)
- Language
- German
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12 ' Die neueren Bestrebungen des Hamburger Tempels Von Rabbiner Dr. Sonderling* Hamburg*). PSAjjSTm 18. Oktober feierte der Hamburger israelitische Tempel-Verband seinen hundertjährigen Bestand. Er ist die erste liberale Ge- S'ICk meinde der Welt Von dort" aus nahm die Reform ihren Weg. Mitglieder des Tempeis gründeten in Leipzig für die Messebesucher ein Gotteshaus nach, seinem Ritus. Auf diese Weise wurde der neue Gottesdienst bald allenthalben bekannt. Juden aller Länder brachten das modifizierte Gebetbuch in ihre Heimat und reformierten ihren Kultus nach dem Hamburger Muster. Seit dem Gebetbuchstreit in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der Tempel die jüdische Öffentlichkeit kaum mehr beschäftigt. In hartem Ringen mit der ihn bekämpfenden Orthodoxie hatte er die Anerkennung der Berechtigung einer Reform erkämpft. Sein Beispiet war bahnbrechend geworden und hatte in der Alten wie Neuen Welt Nachahmung gefunden. Seine weitere Entwicklung vollzog sich nunmehr in ruhigeren Bahnen. Das Gebetbuch erlebte seit der Tempelgründung 6 Auflagen, die in ihnen vorgenommenen Änderungen sind ein interessanter Beleg für die verschlungenen Pfade, die der liberale Gedanke in hundert Jaliren eingeschlagen hat. Allenthalben entstanden in den Gemeinden dem alten Sidur neue Bearbeiter. M annheimer in Wien, Geiger in Breslau, Leopold Stein in Frankfurt, um nur einige der Bedeutendsten hervorzuheben, schufen Gebetwerke, die ihrerseits wiederum auf das Hamburger Andachtsbuch wirkten. Die vorgenommenen Änderungen waren aber nicht grundsätzlicher Art, der Grundstock von 1819 blieb erhalten. Erst R i e g e r ging in seiner Bearbeitung neue Wege. Hatten die Früheren den starken portugiesischen Einschlag unangetastet ge-. lassen, so vereinigte er die sephardische Liturgie mit „den besten Gebetdichtungen des deutschen Ritus". Er wollte damit offenbar zum Ausdruck bringen, daß das deutsch-jüdische Element im Tempel im Laufe der Jahrzehnte an Bedeutung stark gewachsen war, und war damit im Recht. Die Benützung sowohl des portugiesischen Ritus, wie der *) In seinem Begleitschreiben schrieb uns der Verfasser des nachfolgenden Aufsatzes u. a,i folgendes: „Es wird befremden, wenn einer der Unterzeichner der Richtlinien die Gebetbuchreform als einen Irrtum anspricht und den Liberalismus, der bisher nur das konfessionelle Moment im Judentum gelten ließ, als Halbheit geiselt. Die Verträglichkeit des liberalen Gedankens mit nationalem Bewußtsein ist meines Wissens bislang nicht ausgesprochen worden, und die Reform trat fast immer als Gegnerin des Nationalismus auf. Da aber nach meiner Überzeugung das liberale Judentum, wenn es sich lebensfähig erhalten will, seine Stellung zum nationalen Problem revidieren muß, halte ich die Eröffnung der Diskussion darüber für unbedingt erforderlich." , j) Red.