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Neue jüdische Monatshefte · 1918-10-10 · Heft 1 (10.10.1918) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 1 (10.10.1918)
Article
Briefe eines deutschen Juden im Auslande
Date
1918-10-10
Page
Seite 10 (sequence 6)
Language
German
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.10 Die vom Reich zu befolgende Politik ist klar gegeben: imlan ern muß sie endlich mit allen Rückst&ndigkeiten aufräumen, die der wirklichen Gleichberechtigung im Wege stehen, selbst wenn es darüber Schwierigkeiten mit einzelnen in antisemitischen Anschauungen großgewordcnen Geheimräte kommt. Sie müssen lernen, einer neuen •Zeit Rechnung zu tragen, und die Regierung selbst sollte zeigen, daß sie nach vier Jahren des Nachdenkens über die Neuorientierung endlich bezüglich der berechtigten Wünsche ihrer jüdischen Bürger die gangbaren Wege gefunden hat. In der äußeren Politik aber muß den Forderungen der Menge Rechnung getragen werden, die in Osteuropa auf Schutz ihrer Sprache und Kultur gegen die Entnationalisierungsbestrebungen, bezüglich des Orients auf Förderung der jüdischen Siedlung in Palästina lauten. Wann wird man sich endlich von der Vorstellung freimachen, daß die Juden in den Ostländern, wo sie zahlenmäßig so stark sind und in den Städten völlig überwiegen, eine ähnliche Stellung einnehmen könnten wie in Westeuropa? Soziale und wirtschaftliche Ursachen — und vor allem das viel stärkere nationale Empfinden der jüdischen Massen — machen ein Aufgehen der Juden unter Polen, Litauern, Weißrussen, Ukrainern zum mindesten für absehbare Zeit zur Unmöglichkeit; und diese meist kulturell noch recht rückständigen Völker haben wahrlich nicht das Recht, die Selbstbestimmung, die sie für sich selbst in Anspruch nehmen, anderen zu weigern. Geschieht das doch, so begehen sie ein Unrecht, das sich in dauernder Unruhe im Innern der neugeborenen Staaten äußern, sie selbst schwer schädigen wird, und an dem Deutschland — soweit es heute noch' bei der Neugestaltung mitwirkt — keine Mitschuld treffen darf. Ob man auch Polen oder Litauen als einseitig von der Mehrheit beherrschte Nationalstaaten konstituiert — sie werden praktisch Nationalitätenstaaten sein und bleiben. Tatsachen sind eben stärker als staatsrechtliche Theorien. t Schwieriger ist natürlich die zweite, für die Gewinnung des Judentums wichtige Forderung zu erfüllen: die Förderung ihrer Ansprüche bezüglich Palästinas. Abgesehen von der kleinen Gruppe der Frankfurter Getreuen des hyperorthodoxen Dr. Breuer liegt hier wohl der einstimmige Wunsch aller Juden vor, zum mindesten gewisse Selb stverwaltungsr echt e für die Kolonisation zu -erlangen. Wenn sich die Türken Bitten und Vorschlägen unzugänglich zeigen, so sollten doch die Mittelmächte nachdrücklich darauf hinweisen, daß ein. weitergehendes Entgegenkommen, als es Talaat bei den Verhandlungen in Konstantinopel gezeigt hat, recht angebracht scheint —- gerade jetzt, wo der Gegner bereits über das Land verfügt und an die Tore von Cilicien klopft. Da sollte man die althistorischen Sympathien der Juden für die Türkei pflegen, statt föie durch die Bildung von Beratungskommissionen nach dem Muster ' der jetzt in Konstantinopel unter Ausschluß der Zionisten tagenden,- Bich höchst unnötigerweise zu entfremden. Der Zionismus, der sich mit der Türkei verständigt, stellt ganz und gar'keine

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