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Neue jüdische Monatshefte · 1918-10-10 · Heft 1 (10.10.1918) · p. Seite 9

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 1 (10.10.1918)
Article
Briefe eines deutschen Juden im Auslande
Date
1918-10-10
Page
Seite 9 (sequence 5)
Language
German
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9 dem reichen Schatz altjüdischen Geistes und jüdischen Empfindens, wie er in den großen Zentren des Ostens gedeiht. Sie brachten positive jüdische Werte und einheitlich geschlossene Persönlichkeiten mit und trugen so zur Erhaltung und Kräftigung des deutschen Judentums bei. Die jüdische Wissenschaft darf nicht mit den Schülern nach. Amerika auswandern. Das deutsche Judentum darf nicht vereinsamen, wie das unausbleiblich geschehen muß, wenn man es schlechter stellt, als das Judentum der Entente-Länder und ihm so das bisherige Prestige raubt; wenn man ihm die Möglichkeiten der Einflußnahme auf die anderen Juden nimmt. Freilich ist das deutsche Judentum an alle dem sdlbst nicht unschuldig. Man versteht die Gefahr nicht. Der Geist seiner Organisation, die Formen seiner Repräsentation sind rückständig. Noch immer herrscht die Politik der „Notabelni", die — lucus a non lucendo — meist ganz unbekannte Leute sind, und von wenigen alten Autokraten notabilitiert werden. Die letzteren selbst aber sind ohne Fühlung mit den Empfindungen und Wünschen der breiten Schichten und beim ausländischen' Judentum höchst unbeliebt. So nimmt die Menge wenig Anteil an den Arbeiten der Leitung-, wird materialisiert und verflacht. Wie die Judenpolitik des Reiches, so muß die Reichspolitik der Juden einer gründlichen Änderung unterzogen werden. III. Die im vorigen Briefe enthaltene Gegenüberstellung des Vorgehens der Entente und der Mittelmächte hat die Fehlerquellen gezeigt, aus denen die mißtrauische Zurückhaltung des Auslandes gegenüber den deutschen Maßnahmen und Versprechen und die überall zu beobachtende Mißstimmung sich ergeben. Die Zufalls- und Stimmungspolitik muß endlich einem klaren System Platz machen, das sich auf der Erkenntnis vom Werte des jüdischen Elements aufbaut. Darüber aber, daß für Deutschland an seiner Gewinnung ein sehr dringendes Interesse besteht, sollte bei Einsichtigen wahrlich kein Zweifel mehr herrschen. Für Deutsehland steht mehr auf dem Spiel, als man erkennt: der endgültige Verlust der Sympathien des östlichen Judentums würde sich in der russischen Politik bemerkbar machen, unsere Handelsbeziehungen nach dem Osten schwer schädigen und so die Rohstoffversorgung nach dem Kriege beeinträchtigen. In den heute neutralen und feindlichen Ländern muß sich die veränderte Stellungnahme zufolge des Einflusses, den das Judentum nach seiner sozialen und wirtschaftlichen Schichtung ausübt, in der Presse, überhaupt in der Gestaltung der öffentlichen Meinung zum Ausdruck bringen. Und die Wiederanknüpfung von Beziehungen zum feindlichen Auslande wird erheblich verlangsamt werden, wenn das hierfür so wichtige Judentum der neutralen Länder sich unwillig zurückhält. Aber darüber täusche man sich nicht, daß mit Propagaradamitteln allein nichts mehr erreicht wird, daß man endlich von Wortein zu Taten übergehen muß.

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