Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 1 (10.10.1918)
- Article
- Briefe eines deutschen Juden im Auslande
- Date
- 1918-10-10
- Page
- Seite 11 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908735-2908737-2911330--2030-2911355- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
11 Gefahr für die Türken dar. Sie brauchen nicht zu befürchten, sich einen Brandherd für Aufstände nach berühmten Mustern zu schaffen. Denn der jüdische Nationalismus ist recht verschieden von dem, was man sonst landläufig unter Nationalismus versteht. Das Volk, das schon vor viertausend Jahren sich dem Gesetz 'fügte: „Den Fremdling1 bedrücke nicht, er sei Dir gleich dem Eingeborenen, und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst", will in Frieden mit den anderen Staatsangehörigen leben, nicht aber sie von der Scholle drängen. Auf Jahrzehnte hinaus ist Boden genug für die Einwanderer vorhanden. Unser Volk will „das Haus Gottes bauen für alle Völker4'. Der Gedanke der Gewalt als Mittel der Ordnung und zur Erweiterung der Fortschritte der Kultur ist nicht auf jüdischem Boden erwachsen! Der jüdische Staat war vielleicht der einzige in der Welt, der nie andere als Verteidigungskriege geführt hat. Nicht nach Macht strebt das Judentum, das auf seinen alten Heimatboden zurückkehren will: in fleißiger Arbeit will es jene wirkliche innere, alte Kultur neu beleben, die zu einer höheren Gesamtheit durch die Schaffung entwickelterer Individualitäten führt und die im Gegensatz zum modernen äußerlichen Maschinenleben mit seiner Erzeugung strebsamer Mittelmäßigkeiten allein wahien Fortschritt, Glück und Frieden zu bringen vermag. Die zionistische Literatur ist seit Jahren erfüllt von diesen Ideen und hoch viel weitergehenderen. Ihr Inhalt eignet sich wohl kaum für den Geist moderner Staatskünstler, aber es ist doch gut, ihn auch in breiterer öffentlichkeit einmal zu erwähnen. Weshalb sollte sich mit einem so gearteten Nationalismus die Türkei nicht abfinden können? Wird die jüdische Politik Deutschlands nach solchen Grundsätzen betrieben, so geschieht das auch durchaus im Sinne jener vernünftigen Demokratie, die eben darin besteht, daß man ohne Rücksicht auf einzelne Kreise und ihre Interessen mit den wirklichen Bedürfnissen der eigenen und fremden Völker rechnet und ihre Wünsche erfüllt. Eine solche Politik schallt immer Freunde und so wird es auch im vorliegenden Falle geschehen. Aber der gute Wille muß sich, wie gesagt, im Innern und Äußern, in den großen und kleinen Maßnahmen zeigen. Die Öffentlichkeit muß merken, daß es der Verwaltung ernst ist und sie sich wirklich müht, neue Wege zu beschreiten, die sie dann zielbewußt verfolgt. Das mag mit dem alten Beamtenkörper nicht leicht sein, aber es muß gehen, wenn nicht unwiederbringlicher Schaden entstehen soll. Und es ist hohe Zeit zu handeiin — wenn schon nicht aus Liebe zu den Juden oder aus Gerechtigkeitsgefühl, dann doch um des eigenen, klar zutage liegenden Vorteils willen.