Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 1 (10.10.1918)
- Article
- Briefe eines deutschen Juden im Auslande
- Date
- 1918-10-10
- Page
- Seite 8 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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8 das jeweilig ausgegebene Thema, mag es nun von der Gerechtigkeitsliebe der Entente, dem Selbstbestimmungsrecht der kleinen Nationen, vom preußischen Militarismus oder dem „National Home" in Palästina handeln, — und der Eindruck auf die horchende Welt im Auslande wird selten verfehlt Aber drüben pflegen auch die Taten den Wortenzu entsprechen! Im neutralen Auslande hat man dagegen oft den Eindruck, als ob unserer eigenen Politik in der Judenfrage, wie bei der Behandlung anderer Angelegenheiten das Zielbewußtsein abgeht. Man empfindet ein Schwanken und Wanken, einen Zickzackkurs, dessen Ursachen in mangelnder Erkenntnis der politischen Notwendigkeit oder in -der Kraftlosigkeit einer alle Mitwirkenden leitenden Stelle gesucht wird. Es scheint oft, als werde die Auslandspolitik nicht von großen Gesichtspunkten bestimmt, sondern vom Willen einzelner Behörden, von der jeweils herrschenden Stimmung des-Tages getragen. Einige Beispiele für viele: Nach der Besetzung Polens macht man zunächst Politik unter starker Rücksichtnahme auf die Juden, schützt ihre Sprache und Schule, dann überläßt man sie als bloße Religionsgesellschaft hilflos den Händen der Polen. Zugleich aber erklärt die Militärverwaltung des benachbarten Litauen, daß sie die dortigen Juden als eigene Nationalität betrachte! Also, in Bialystok bilden die Juden eine Nation, nicht aber 10 Meilen weiter in' Lomza; und wenn Grodno oder Wilna an, Polen gegeben würden, müßten die Juden vermutlich einsehen, daß ihnen über Nacht die nationale Eigenart abhanden gekommen sei. Man zieht die jüdischen Arbeiter aus dem Osten ins Land, dann wirft man sie mit wenig stichhaltiger Begründung wieder hinaus. Man veröffentlicht, um die Juden zu gewinnen, Sympathieerklärungen für den Zionismus, denen dann ebensowenig wie anderen Kundgebungen irgendwelche Taten folgen. Aber im eigenen Lande veranstaltet man die Judenzählung und duldet den täglichen Bargfriedensbruch durch die Antisemitenpresse. Kein Wunder, daß man im Airslande demgegenüber nicht gerade vertrauensselig deutsche Versprechungen entgegennimmt und oft glaubt, der deutsche Jude müsse daheim gegenüber der Stimmung recht maßgebender Kreise immer erst „den Gegenbeweis" antreten. Wo steckt da ein System? Wie sollen da moralische Eroberungen gemacht werden? Der Eindruck herrscht vor, daß die deutsche Judenpolitik halb wider eigenen Willen, unter dem Druck der augenblicklichen Verhältnisse von Männern gemacht wird, denen das Problem weltenfern liegt. Die reine Konjunkturpolitik! Soll nun das Judentum infolge solcher Fehler dauernd in das Enteiitefahrwasser geraten? Sollen Jahrhunderte alte Bande zerrissen werden? " Das wäre schlimm genug für beide Teile. Wir haben bereits . im ersten Briefe angedeutet, was für Deutschlands Einfluß während und nach dem Kriege auf dem Spiele steht. Aber auch das Judentum würde schweren Schaden davontragen. Deutschland war bisher die Nährmutter alt.testamenUiehnr Wissenschaft; dorthin zogen dio Lernbegierigen und nahmen reiche Ernte heim. Aber sie gaben auch aus