Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 1 (10.10.1918)
- Article
- Briefe eines deutschen Juden im Auslande
- Date
- 1918-10-10
- Page
- Seite 7 (sequence 3)
- Language
- German
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7 nehmen ein starkes nationales Interesse am türkischen Orient Also ernennt der Präsident viermal nacheinander Juden (Strauß, Nathan, ' Morgenthau, Elkus) zu Botschaftern in Konstantinopel. Im Kriege gilt es, die Juden der neutralen Länder zu gewinnen, vor allem in. der Schweiz. Also beweist mau seinen Liberalismus durch die Ernennung, eines jüdischen Generalkonsuls in Genf und von gleich drei jüdischen Legationssekretären in Bern (wo übrigens auch die Engländer Juden zur Gesandtschaft zugezogen haben). Der Zionismus hat infolge der politischen Konstellation, günstige Aussichten auf Verwirklichung seiner Ziele. Louis S. Brandeis ist sein Führer. Eben war . er noch Richter in seiner Vaterstadt, jetzt ernennt man ihn zum Reichskommissar für Rußland mit der sehr durchsichtigen Absicht auf den Beifall der amerikanischen und russischen Juden. Dann betraut man ihn mit dem Studium der osteuropäischen und vorderasiatischen Verhältnisse zur Vorbereitung der Friedensverhandlungen, und kürzlich noch wurde über seine Ernennung zum Botschafter in London verhandelt. Diese kleine Blütenlese möge zur Kennzeichnung eines Systems genügen,, das in geschicktester Weise die Kräfte der eigener und fremder Länder nützt und neben materiellen Vorteilen noch Beifall und Lobpreisungen erntet. Bei uns dagegen---- Mit der gleichen Gewandtheit ist Großbritannien bemüht, der . z i o ni s t i s c h e n B e w e g u n g die Wege zu ebnen, weil die Schaffung eines mit seiner Hilfe zustande gekommenen jüdischen Schutzstaates oder selbst nur die einer an Zahl starken Ansammlung von Juden in Palästina ihm für die Beherrschung des Landweges nach Indien von größtem Vorteil erscheinen muß. Freilich darf nicht verkannt werden, daß bei diesen Bemühungen auch eine gewisse religiöse Romantik des englischen Wesens, eine im Alltagsleben durch andere Momente verdeckte Neigung für das Volk der Bibel und sein Land mitwirken. Haben doch schon Salisbury und Landsdowne Herzi bei seinen Plänen in El Arisch und Uganda gefördert. Aber in der Hauptsache bleiben doch <lic o i g e n e n Interessen maßgebend. So hat man die Sache mit gewohnter Energie begonnen, und sie wird zäh und folgerichtig durchgeführt. Die in ihrer-Oberschicht und Mehrzahl gar nicht zionistisch gesinnten englischen Juden erfahren eines Tages, daß sie sich bisher über ihre Überzeugungen geirrt haben und ihr englischer Patriotismus die Förderung der palästinensischen Sache verlange, wenn nicht ihr jüdisches Empfinden. Ihre Führer wechseln über Nacht, und alles ist in schönster Ordnung. Und sogleich schwenken die Bundesgenossen ein: die Amerikaner und Italiener mit Nachdruck, die Franzosen wegen ihrer alten Ansprüche auf Syrien mit süßsaurer Miene. Sogar Serbien erklärt sein wertvolles Einverständnis. (Dem Zaren, ist wenigstens dieser Kummer, der jüdischen Siedlung zustimmen zu müssen, erspart geblieben!) Hier zeigt sich wieder eine politische Befähigung der Entente, in der sie — leider! — dem Vierbunde sehr überlegen ist: dio glänzende Regie, mit. der Aktionen in Szene gesetzt werden. Wie der Chor im antiken Drama besingen die Bundesgenossen auf das gegebene Zeichen