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Neue jüdische Monatshefte · 1918-10-10 · Heft 1 (10.10.1918) · p. Seite 6

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 1 (10.10.1918)
Article
Briefe eines deutschen Juden im Auslande
Date
1918-10-10
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 täten", wie Bismarck zu sagen pflegte, die als notwendig erkannten Ziele mothodisch verfolgt. Natürlich ist das nur da möglich, wo eine starke Zentralgewalt mit gefestigten Traditionen den ganzen Staat leitet und die Handlungen seiner Einzelorgane überwacht Ein Gegeneinander- oder Nebeneinanderarbeiten von politischen Faktoren muß zur Verwirrung führen. Aus dieser Erkenntnis heraus steht in England das foreign offiee über allen anderen Behörden; es ist die maßgebende■ Steflle, der sich alle anderen unterzuordnen haben. Diesem Umstände verdankt die englische Politik großenteils ihre Erfolge. Sicherlich gab und gibt es in England neben immerhin einflußreichen philosemitischen Kreisen einen starken gesellschaftlichen Antisemitismus. Bei der Gleichstellung der Juden trat er aufs heftigste in die Erscheinung. Noch kurz vor dem Kriege erlebte man in britischen Fabrikstädten ganz regelrechte Pogroms im kleinen, und die „alien bill" beschäftigte und erregte die Gemüter. Trotzdem hat die offizielle Judenpolitik der Regierung nicht geschwankt, ' Der einzelne mag den Juden lieben oder nicht — die Wichtigkeit der Juden für die innere und äußere Politik ist einmal erkannt, und ßo nimmt man ganz selbstverständlich den eigenen Vorteil wahr. Es ist natürlich kein Zufall, wenn im britischen Ministerium drei jüdische Minister sitzen, wenn man ihre Kräfte für die großen Finanzierungen, den Regierungspressedienst, im Innern nutzt. Kein „Allbrite" entrüstet sich, wenn ein in Deutschland oder Rußland geborener Jude in einer englischen Großstadt zum Lordmayor gewählt wird. Nun denke man sich einmal die Seelenverfassung von Claß oder Gebsattel, wenn ähnliches in Preußen passierte! Aber drüben sucht man eben mit allen Mitteln die Welt zu anglisieren, bei uns durch antisemitische Purgierungsmittel „höhere Rass enreinh ei tu zu erzielen. Noch charakteristischer zeigt sich diese politische Klugheit der Engländer ■ auf dem Gebiete der Propaganda und dem des ihr eng verbundenen diplomatischen Dienstes. Auch in England besteht eine gewisse Bevorzugung, der adligen, der durch Geburt oder Reichtum zur Repräsentation besonders geeigneten Schichten. Aber überall dahin, wo es für das britische Reich nützlich ist, sendet man Persönlichkeiten, die ganz und gar nicht zur obersten Schicht gehören, nicht einmall Leute aus der diplomatischen Schule. Einige Beispiele: Es gilt, das sehr starke jüdische, den Zarismus hassende Element in Amerika zu entwaffnen. Die Juden können 'Wilson bei den Staats- und Kongreßwahlen Schwierigkeiten bereiten, was der Entente sehr unbequem wäre. Unbedenklich ernennt man den jüdischen früheren Rechtsanwalt Sir Rufus Isaacs (jetzt Lord Reading) zum Botschafter, in Washington. Er hat\s nicht „gelernt", kein diplomatisches Examen bestanden. Aber er ist ein kluger Mann, gewandt, der ^jüdischen Masse bekannt Und er schafft's. Noch viel weiter gehen die in der gleichen politischen Schule erwachsenen Anglo-Amerikaner. Auch dort ist der gesellschaftliche Antisemitismus stark, aber dasbeeinflußt nicht die Regierung. Die Juden.

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