Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 1 (10.10.1918)
- Article
- Ein Wort an die Polen
- Date
- 1918-10-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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gestellt, aber doch der Welt wenigstens das Vorhandensein anderer Volkskreise angezeigt. Wünscht doch die übergroße Mehrzahl der polnischen Judendie Erhaltung ihrer Eigenart und Kultur, zu diesem Zwecke die Selbstbestimmung über die Schule und andere kulturelle Institutionen, und sehr weite Kreise fordern, sogar nationalpolitische Rechte im Geiste einer völligen politischen Autonomie. Man kann sich staatsrechtlich zu diesen Forderungen stellen wie man will: jedenfalls besteht ein volles Hecht für die Juden Polens, ihro Wünsche in der Öffentlichkeit zu äußern und sie der Welt und den auf der Friedenskonferenz vertretenen Mächten vorzutragen. Dazu hätte der Oberste Rat immerhin eine Handhabe geboten, und für den Wiederaufbau Polen.« war das Bestehen einer juristischen Körperschaft, welche alle Juden vertrat, von besonderem Wert. Denn die Restitution kann nur durch die Aufnahme einer großen Volksanieihe erfolgen, die man ja nicht einzelnen Gemeinden, sondern nur einer Gesamtvertretung des polnischen Judentums gewähren wird. Natürlich ist all dies den Polen genau bekannt. Aber gerade darum paßten die Wahlen ebensowenig den Polen wie den polonisierten Juden, die für ihre angemaßte Führerstellung und das Monopol, das sio bisher in den Gemeindestuben besaßen, mit Recht zittern. Ihr Sündenregister ist ja lang, und sie wissen sehr .wohl, daß bei den Wahlen der Sturm des Volkswillens sie hinwegfegen würde wie die dürren Blätter im Herbst. Und so mußte denn der Vertreter der assimilatorischen Gruppe im Ministerium, irgendein den weitesten Kreisen unbekannter Herr Adalberg, alle Kraft daransetzen, um das deutsche Generalgouvernement zur Aufhebung der Wahlen zu veranlassen. Als das nicht gelang, und als die Regierung dem Vorstande der Jüdischen Gemeinde selbst die Entscheidung überließ, sind natürlich die Wahles sofort sistiert worden. Aber es kommt noch besser! Eben, da die Polen sich auf das Selbstbestimmungsrecht, der Völker berufen, verbieten sie in ganz Galizien die jüdischen Versammlungen, in denen die Bildung eines jüdischen Nationalrates verlangt wird, und vergewaltigen so in rücksichtslosester Weise die unter ihnen wohnenden 800 000 Juden! Wir wollen hier mit aller nur wünschenswertem Energie unterstreichen, daß die Rechnung der Polen und die der Assimilanten falsch ist. Es wird dafür gesorgt werden, daß auf der Friedenskonferenz die Worte vom Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht einseitig nur für die Polen Geltung finden. Es wird auch dafür.gesorgt werden, daß die. schönen Worte von Toleranz, traditionellem1 Liberalismus e tuttl quanti in die richtige Beleuchtung gestellt werden, wenn diese reaktionären und von vollem Verkennen der Situation zeugenden Maßnahmen nicht schleunigst rückgängig gemacht werden. In Polen selbst herrscht, wie aus den Stimmen der jüdischen Presse hervorgeht, allgemeinste Entrüstung.