Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 24 (25.9.1918)
- Article
- Eine Kindheitserinnerung
- Date
- 1918-09-25
- Page
- Seite 572 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-„naab'du sohon einmal'gesehen, wie ein Jude betet?" . Nein, dao hatte ich noch nie gesehen. .^Komm mit, ich will es dir zeigen. Wir müssen aber stierst in den Garten des Popen steigen, dann auf den Schuppen klettern; vom Dache dos Schuppens kann man in ein Fenster schauen — fein betet er!" Wir begaben uns sofort in den Graben, an den der Zaun des Popengartens grenzte, schlichen durch den Garten und kletterten unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln, die das Heil unserer Ohren erheischte, auf das Dach: wir wußten schon, daß der Hausknecht des Popen die Obren der Erforscher fremder Gärten mit großem Geschick und äußerst schmerzhaft .zu behandeln verstand. Vom Dache aus konnten wir das Fenster eines alten hölzernen ILmses, das einer Badestube glich, sehen. Hinter dem Fenster stand in einem halbdunklen Zimmerchen ein kleiner buckliger Jude. Er war in einen weiten gestreiften Mantel gehüllt, an seiner Stirne war ein Meines schwarzes Kästchen befestigt, und sein Arm mit einem Riemen umwickelt. Er schwankte wie ein Halm im Winde hin und her und murmelte und sang etwas unsagbar Trauriges. Nachdem ich ihm eine Weile zugehört hatte, fühlte ich mich etwas angeödet und fragte Ssergejka: „Warum ist er so?u „Weil er ein Sünder ist!14 antwortete Ssergejka überzeugt. „Sie sind alle Sünder, wir aber sind Gerechte." Der von Ssergejka entdeckte „Witz" gefiel mir ganz und gar nicht. Die traurigen Aufschreie des Sünders machten mich trübsinnig. Ich wollte meinen Freund hereinlegen und richtete an ihn die tückische Frage: „Bist du auch ein Gerechter?" Er entgegnete ruhig: „Gewiß." „Warum stiehlst du dann beim Popen Äpfel?" fragte ich noch tückischer. Ssergejka blickte mich aber erstaunt an und sagte: „Du stiehlst ja auch!" Tröstend fügte er hinzu: „Äpfel. machen nicht viel aua! In den Gärten darf man stehlen, denn ein Garten ist kein Haus. Nur in den Häusern darf man nicht stehlen?" „Warum?" fragte ich, als ich sah, daß ich den Freund weder widerlegen, noch stutzig machen konnte. „Was heißt, warum? Weil das Haus von einem Dache bedeckt ist, der Garten ist aber nicht bedeckt. An den Häusern sind auch Türen. . Was von einem Dache bedeckt ist, das darf man nicht anrühren. . . . Schweig lieber!" Der Jude begann schneller hin und her zu schaukeln und lauter und jammervolles zu singen. Er erinnerte an einen Vogel, der in einem .fiSLÄosron Baue? hm und her flattert.